Und solche Dinge, die so närrisch sind, daß ich beynahe selbst mich ihrer schäme, finden Beyfall, und zwar nicht nur bey dem Pöbel, sondern auch bey Leuten, die so vieles von Religion schwatzen, daß man bey ihnen einen ganz andern Witz vermuthen sollte.
Liesse sich hier nicht auch von dem reden, daß jede Gegend ihren besondern Schutzheiligen hat; und daß jedem Heiligen sein eigenes Geschäft, und seine eigene Verehrungsart, angewiesen ist: der eine hülft bey Zahnschmerzen; der andere springt den Gebährenden bey; ein dritter verschaft dies gestohlene wieder; ein vierter läßt den Seefahrer eine beglückte Reise machen; ein fünfter bewacht die Heerde, und so weiter, denn alles daher zu zählen, würde zu weit führen.
Es giebt Heilige, welche für sich allein vieles zu Stande bringen können; besonders die jungfräuliche Gottesgebährerinn, deren der gemeine Mann bald mehrers zuschreibt, als dem Sohne.
Was ist alles, das die Menschen sich von dergleichen Heiligen erbeten, anders als Thorheit? Wohlan! unter so vielen Gedächtnißtafeln, mit welchen man die Wände und Gewölber der Tempel gelübdsmäßig dick behangen findet, hat man je eine gesehen, die aus Dankbarkeit von jemanden dahin verehret worden, der durch ein Wunder der Narrheit entflohen, oder auch nur um ein Haar weiser geworden ist? Einer hat sich glücklich durch Schwimmen gerettet; ein Anderer ward durch den hohlen Leib gestochen, und ist noch bey Leben; ein Anderer ist, indem die übrigen fochten, glücklich und tapfer durch die Flucht entronnen; ein Anderer kam an den Galgen, durch Kraft eines die Diebe begünstigenden Heiligen zerriß der Strick, und nun fährt er im Liebeswerke fort, diejenigen zu erleichtern, welche durch zu vieles Geld beschwert sind; ein Anderer durchbrach die Mauer des Kerkers, und ist in Freyheit; ein Anderer ist, zum grossen Verdrusse des Arztes, das Fieber bald losgeworden; einem Andern ward ein vergifter Trank gegeben; er verursachte aber den Tod nicht, sondern half glücklich einer Verstopfung ab; nur machts seiner guten Ehefrau wenig Freude, und sie ärgert sich über ihre vergebliche Mühe und Unkosten; ein Anderer schmiß mit dem Wagen um, ritt aber mit den Pferden gesund nach Hause; auf einen Andern fiel der Schutt einer einstürzenden Mauer, schlug ihn aber nicht todt; ein Anderer, der mit einer Frau tändelte, ward von dem Manne derselben überrascht, log sich aber durch einen listigen Einfall los. Niemand bezeigt sich dafür dankbar, daß er von der Narrheit befreit worden.
O meine Herren! wenig Verstand haben, ist etwas so angenehmes, daß die Sterblichen sich ehender alles verbäten, als die Narrheit. Aber warum sollt ich mich auf das Meer des Aberglaubens hinauswagen? Wenn ich gleich hundert Zungen hätte, hundert Mäuler, eine eiserne Stimme, so würd ich doch nicht alle Gestalten der Thorheit entwickeln, alle Namen der Narrheit durchlaufen können. In dem Leben der Christen, ist durchgehends alles von Wahnsinn vollgepfropft; und die Herren im schwarzen Kleide begnügen sich nicht nur, es so gehen zu lassen, sondern tragen auch noch das Ihrige wacker dazu bey; wohl wissend, daß sich dabey allemal ihre Rechnung werde finden lassen.
Ein Weiser, der mir von Herzen mißfällt, wirft sich zum ungebetenen Prediger auf, und spricht so, wie die Sache an sich selbst ist: „Du wirst kein böses Ende nehmen, wenn du gut lebst; deine Sünden werden dir vergeben werden, wenn du, der du die Sache mit einem stückchen Gelds richtig machen willt, dein gethanes Böse verabscheust, weinest, wachest, betest, fastest, und dein ganzes Thun und Lassen änderst; der Heilige wird dir gewogen seyn, wenn du seinem Leben nacheiferst.“ O meine Herren! wenn dieser Weise Ihnen mit dergleichen Geplauder in den Ohren liegt, bewaffnen sie sich wohl, wenn es Ihnen um Ihre Gemüthsruhe zu thun ist.
In diese Zunft gehören auch die, welche bey guter Gesundheit pünktlich verordnen, mit welchem Gepränge ihre Leiche solle bestattet werden; sie bestimmen die Zahl der Fackeln, der Leidtragenden, der Sänger, der Lohnheuler; gerad als sie selbst noch Augenzeugen dieses Schauspieles seyn würden; oder als ob es ein Schandflecke für den Verstorbenen wäre, wenn man seinen Leichnahm nicht prächtig einscharrte; sie sind damit so beschäftigt, als ob sie, gleich den Aedilen im alten Rom, das Volk mit Schauspielen und Mahlzeiten versehen müßten.
Ob ich gleich eile, so viel mir möglich ist, so kann ich doch jene nicht übergehen, die zwar vor dem niedersten Schuflicker nichts voraus haben, und sich doch auf den blossen Titel des Adels ich weiß nicht was Wundergrosses einbilden. Der Eine will von dem Aeneas abstammen; der Andere von dem Brutus: und ein Dritter von dem König Arthur. Sie hängen prahlerisch allerorten geschnitzt und gemahlte Bilder ihrer Ahnen auf; sie berufen sich auf derselben Namen und Beynamen, und sind selbst stummen Bildsäulen ähnlich; noch weniger werth, als die Thiere, die ihren Wappen zu Schildhaltern dienen. Doch führen sie, dank sey es ihrer holden Selbstliebe, ein ganz glückliches Leben; und an ebenso grossen Narren fehlts nicht, die diese Art von edlen Thieren für halbe Götter ansehen.