Warum red ich aber nur von einer oder der andern Art von Narren! die Selbstliebe zaubert ja allerorten auf tausenderley wunderbare Weise dergleichen recht glückliche Geschöpfe hervor. Etwann sieht man einen, mit dem die Natur es noch wohl gemeinet hätte, wenn er von ihr blos mit einem Affengesichte wäre begabet worden, und er deucht sich schöner zu seyn, als Nireus es beym Homer ist. Ein Anderer, so bald er vermittelst seines Zirkels zwo oder drey Linien ziehen kann, glaubt, daß er es mit dem Euklides aufnehmen könnte. Hier ist einer, der sich zur Musik so gut schickt, wie der Esel zur Harfe; doch glaubt er sich im Stande zu seyn, mit einem Hermogenes in die Wette zu singen, ob man gleich das Gekrähe des die Hänne betretenden Hahnes musikalischer findet, als sein Gekrächze.

Lustig ists, wenn man auf das Betragen einer andern Art von Wahnsinnigen acht hat: aller der Gaben und Geschicklichkeiten, die ihre Bedienten besitzen, rühmen sie sich, als ob es die ihrigen wären. Hieher gehört jener glückliche Reiche beym Seneca: wenn er ein Geschichtchen erzählen wollte, hatt er immer Knechte zur Seiten, die ihm die Namen einflüsterten; er war von einer so schwächlichen Leibesbeschaffenheit, daß es leicht gewesen wär, ihn zu Boden zu hauchen; und doch beredet er sich, im Stande zu seyn, sich in den Streit der Klopffechter zu mischen; denn er hatte ja zu Hause starke Bengels, denen er Muß und Brod gab.

Es würde sich der Mühe nicht lohnen, wenn ich viele Worte über die verlieren wollte, die von Künsten und Wissenschaften Profession machen. Sie besitzen eine besondere Selbstliebe: ehender thun sie verzicht auf ihr ganzes väterliches Erbgütchen, als auf ein Früchtchen ihres Genies. Schauspieler, Musicanten, Redner, Poeten, lieben sich selbst um so viel heftiger, um so viel ungelehrter sie sind. Was auch noch so abgeschmackt ist, findet immer einen Gaumen, dem es behagt; es giebt Leute, denen selbst das Häßliche sich anpreist: denn (wie oft soll man es noch sagen) die meisten Menschen sind Narren. Also darf man nur recht unwissend seyn, um sich selbst herrlich zu gefallen, und von vielen bewundert zu werden. Einfältig müßte man seyn, wenn man der sogenannten wahren Gelehrtheit nachwerben wollte: dieses würde hoch zu stehen kommen: und was würde die Ausbeute seyn? schüchtern und menschenscheu würde man werden, und bald aller Welt mißfallen.

Wie die Natur einzelne Menschen behandelt, so behandelt sie auch ganze Völkerschaften; jeder hat sie ihre besondere Eigenliebe eingeimpft. Die Britten machen hauptsächlich Anspruch auf eine schöne Leibesgestalt, die Musik, und eine niedlich besetzte Tafel. Die Schotten schmeicheln sich mit Adel, königlicher Abkunft, und scharfsinniger Disputierkunst. Die Franzosen behaupten, eine gute Lebensart müsse man bey ihnen erlernen; besonders aber in Paris die Theologie. Die Italiäner brüsten sich auf ihre Gelehrtheit und Beredsamkeit; und daher schmeicheln sie sich, daß sie einzig nicht Barbaren seyn; insonderheit maaßen sich die Römer dieser Glückseligkeit an; sie wiegen sich zum süssen Traum ein, daß sie noch im alten Rom leben. Die Venetianer triumphieren wegen ihrem Adel. Die Griechen prahlen, sie seyen die Erfinder der Künste und Wissenschaften, und behängen sich mit den Titeln ihrer alten berühmten Helden. Die Türken, samt allen dem übrigen Barbarengeschmeisse, schreien, die ächte Religion lasse sich nur bey ihnen finden; und sie lachen höhnisch über Christen, als Abergläubige. Gütlich thun die Jüden sich noch heut zu Tage mit der Erwartung des Messias, und sind dabey so standhaft, als sie es in Bewahrung der Schriften ihres Moses sind. Die Spanier wollen die berühmtesten Kriegsleute seyn. Die Germanier spiegeln ihre großen Körper und ihre Bekanntschaft mit magischen Künsten.

Wir wollen nicht weiter gehen. Es liegt am Tage, wie viele Wollust die Eigenliebe allen und jeden Sterblichen verschaffe. Sie hat eine Gesellschafterinn, die Schmeicheley. Wirklich, wenn man sich der Eigenliebe ergiebt, was thut man anders, als daß man sich selbst schmeichelt; daß man sich selbst eben die Gefälligkeit erweist, mit welcher man sich zuweilen in die Gunst Anderer setzt. Heut zu Tag ist freylich die Schmeicheley in einen bösen Ruf gekommen; aber bey wem? bey Leuten, die mehr auf die Wörter sehen, als auf die Dinge selbst. Sie stehen in dem Wahne, Ehrlichkeit könne mit Schmeicheley nicht wohl bestehen. Damit sie lernen mögen, wie gröblich sie sich irren, sollte man sie bey vernunftlosen Thieren zu Schule schicken: Was ist schmeichelhafter als der Hund? und was ist zugleich getreuer als er? was ists, das sich mit Possirlichkeiten gefälliger machen kann, als das Eichhörnchen? und doch ists ein Freund des Menschen. Sind etwann Löwen, Tiger, Panterthiere, große Menschenfreunde, weil sie sich nicht einschmeicheln?