Wenn du dieses liesest, bin ich aus dem Leben oder vielmehr bin ich in das Leben gegangen.
Seit einigen Tagen fühle ich mich sehr schwach, ohne gerade krank zu sein. In der Stille leg' ich ab Pilgerschuh' und Wanderstab. Dieweil ich noch die Feder führen kann, will ich Dir selbst meine Heimfahrt melden und den Brief an dich eigenhändig überschreiben, damit eine fremde Handschrift Dich nicht betrübe. – Bin ich hinüber, so hat der alte Jochem den Auftrag, ein Kreuz zu meinem Namen zu setzen und den Brief zu siegeln. Rot, nicht schwarz. Ziehe auch kein Trauergewand um mich an, denn ich bin in der Freude. Ich lasse Dir mein irdisches Gut, vergiß Du das himmlische nicht.
Dein treuer Ohm Renat.«
Daneben war mit ungeschickter Hand ein großes Kreuz gemalt. Ich kehrte mich ab und ließ meinen Tränen ihren Lauf. Dann erhob ich das Haupt und wandte mich zu Gasparde, die mit gefalteten Händen an meiner Seite stand, um sie in das verödete Haus meiner Jugend einzuführen.
Signet
Ernst v. Wildenbruch:
Archambauld.
Ernst von Wildenbruch wurde als Sohn des preußischen Konsuls von Wildenbruch am 3. Februar 1845 in Beiruth in Syrien geboren, und unter dem tiefblauen Himmel des Orients ist ihm die Kindheit dahingegangen, zuletzt am Goldenen Horn, als sein Vater zum Gesandten in Konstantinopel aufgerückt war. Später studierte Wildenbruch in Deutschland die Rechte, eine Tätigkeit, die durch die Feldzüge von 1866 und 1870 unterbrochen wurde. Als tapferer Offizier hat er an ihnen teilgenommen und die erfahrenen Eindrücke in seinen ersten gedruckten Arbeiten niedergelegt: den Heldenliedern »Vionville« und »Sedan«. Früh aber hatte der Referendar von Wildenbruch auf seinem kleinen Zimmer zu Frankfurt an der Oder Manuskripte anderer Art im Schubfach liegen, alles Verse, die niemand druckte, vor allem niemand sprach. Und sie sollten doch in die Menge klingen, denn es waren fünffüßige Jamben, Drama auf Drama.
Dann kam dem mehr als dreißig Jahre alten der erste Erfolg mit dem Trauerspiel »Die Karolinger«; er blieb ihm treu viele Jahre lang, ebbte dann ein wenig und lebte mit voller Gewalt wieder auf mit dem großen Doppeldrama »Heinrich und Heinrichs Geschlecht«. Keines dieser vielen Stücke steht in einer Linie mit dem besten, was Kleist oder Hebbel schufen. Aber sie sind alle erfüllt von dem Pulsschlag eines echten Theaterbluts, sie glänzen oft im schillernden Gewande einer hinreißenden Pathetik und haben (so im »Christoph Marlow«) Untertöne eines tief lyrischen Empfindens. Mir scheint, Wildenbruch ist für das Drama hohen Stils das gleiche, wie Anzengruber für das bürgerliche Drama.
Und ebenso wie Anzengruber die volle Meisterschaft, die ihn zu den ersten gesellt, im Roman, in der Prosadichtung erreichte, so fand Wildenbruch sein Höchstes in der Novelle. Die »Franceska von Rimini« hat in dem Sturmgang ihrer Leidenschaft schlechthin kein Seitenstück in der deutschen Dichtung. Und viele andere Arbeiten stehn ihr nahe, wenn sie sie schon nicht erreichen. »Neid«, »Vizemama«, »Kindertränen« will ich nennen. Was diese drei Werke besonders verbindet, ist die heiße Liebe zum Kinde, das innige Erfassen seiner Art und oft auch seiner Tragik, das Wildenbruch eine ganz besondere Stellung in der Literatur der Gegenwart gibt. Auch die kleine Erzählung »Archambauld« läßt diesen Zug erkennen. Und indem sie vom Bosporus auf das Schlachtfeld von St. Privat führt, ist sie zugleich gewissermaßen symbolisch für die Art dieses deutschen Poeten, den ein seltsames Geschick unter Palmen zur Welt kommen ließ. In Berlin ist er am 15. Januar 1909 – uns viel zu früh – gestorben und seinem Wunsche gemäß in Weimar, nahe der Gruft Schillers und Goethes, bestattet worden.
Heinrich Spiero.