Archambauld.

Ein Blatt vom Lebensbaum.

Arnautköi (sprich Arnautkjö) – wer von denen, die dieses lesen, kennt den Ort? Denen, die ihn nicht kennen, darf man raten: seht ihn Euch an, er verdient's.

An der breiten, prachtvollen Wasserstraße, die Marmara-Meer und Schwarzes Meer verbindet, am Bosporus ist er gelegen, auf der europäischen Seite, halbwegs zwischen dem Goldenen Horn, dem Hafen Stambuls, in dem die Moscheen sich spiegeln, mit ihren Minarets, und Terapia, wo die Botschafter der Großmächte ihre Sommer-Residenzen hatten und auch heute noch haben. Das Ufer gegenüber ist die Küste Asiens.

Die Küste Asiens – das wollte den Söhnen des preußischen Gesandten, der mit seiner Familie in Arnautköi wohnte, damals noch kleinen Buben, anfänglich schwer in den Sinn: Asien – das hatten sie von ihrem Hauslehrer gelernt, war doch ein anderer Erdteil – einem anderen Erdteile muß man doch ansehn, daß es eben ein anderer ist – und nun sah dieses Asien eigentlich nicht ein bißchen anders aus, als das Europa, darin sie wohnten.

Von ihrem Hauslehrer aber, der ein Erwecker junger Seelen war, wußten sie nicht nur, daß das Land da drüben Asien hieß, sondern auch, was dieses Asien einstmals für einen finsteren Schatten auf Europa geworfen hatte: da erzählte er ihnen von dem großen Perser-Könige Darius, der vor mehr als zweitausend Jahren gelebt hatte und mit einem Heere von vielen hunderttausend Mann über den Bosporus gezogen war, um sich die Völker von Europa zu unterwerfen.

Unweit Arnautköi, etwas mehr dem Schwarzen Meere zu, ist eine Stelle, wo der Bosporus sich verengt. Alte Wachttürme, von irgend einem alten Sultan erbaut, stehen dort. Rumili-Hissar heißt der Ort. Da führte er sie auf Spaziergängen hin und erklärte ihnen, daß, wenn jemand eine Brücke über ein Wasser schlägt, er danach ausschaut, wo das Wasser am schmalsten ist, und daß also zweifelsohne hier die Stelle sei, wo einstmals König Darius von Asien nach Europa herübergekommen war. Da war es den Knaben, indem sie seinen Worten lauschten und auf das Meer hinuntersahen, auf dem jetzt keine Brücke mehr lag, als würden die uralten Dinge noch einmal lebendig, als hörten sie das Stampfen der unzähligen Schritte, unter denen die Brücke sich bog, das Schnauben der Rosse, das Rasseln von Wagen, und die Weltgeschichte stieg vor ihnen auf wie eine ungeheuere, gespenstische Gestalt.

Eines Tages aber, als sie von solchem Spaziergang nach Haus kamen, sollten sie erfahren, daß die Weltgeschichte kein Gespenst, sondern etwas Lebendiges ist und mit den Menschen weiterlebt: an dem Tage nämlich war zu ihrem Vater, dem preußischen Gesandten, ein Besuch gekommen, ein russischer General, der hieß Menschikoff, zu dem sie in das Zimmer geführt wurden, weil er ihnen die Hand geben wollte. Und als er das Haus wieder verlassen hatte, nahm ihre Mutter sie bei Seite, und das Gesicht ihrer Mutter, das sonst immer heiter war wie das einer mutigen Frau, war voller Sorge, und sie sagte: »Es wird einen Krieg geben, einen furchtbaren, zwischen den Russen und den Türken, die Engländer werden kommen und die Franzosen, und mit den Türken gegen die Russen kämpfen.« Und wie sie ihnen gesagt hatte, so geschah es, und nun, Wochen und Wochen, Monate und Monate lang kamen die Kriegsschiffe der Engländer und Franzosen, riesige Drei-Decker, denn eiserne Schiffe gab's damals noch nicht, vom Marmara-Meere heran, um nach dem Schwarzen Meer zu fahren. Und weil das Elternhaus der Knaben unmittelbar am Ufer des Meeres lag, so zogen all' die mächtigen Fahrzeuge unmittelbar an ihnen vorüber. Da standen sie dann und rissen die Augen auf, wenn sie die Schiffe flimmern und leuchten sahen von den unzähligen Soldaten, mit denen sie gefüllt waren, englischen Soldaten in roten Röcken, französischen in blauen Röcken und roten Hosen, und wenn sie die Soldaten auf den Schiffsborden sitzen sahen und in den Strickleitern bis zu den Raaen der Maste hinauf. Und wenn sie sich erkundigten, wohin diese Männer alle zogen, schlug der Lehrer ihnen den Atlas auf, zeigte ihnen eine Halbinsel im Schwarzen Meere, die Krim, und auf der Halbinsel eine große russische Festung, Sewastopol, und diese Festung zu belagern und zu erstürmen, dahin zogen alle diese Männer.

Nun aber weiß jedermann, daß man zu einer Belagerung nicht nur Menschen, sondern auch Kanonen und Werkzeuge aller Art braucht. Um solches anzufertigen, wurden im Rücken der abziehenden Heere in Konstantinopel und an den Ufern des Bosporus Werkstätten angelegt, und eine solche Werkstätte der Franzosen befand sich ganz nah vom Elternhause der Knaben, in dem neben Arnautköi gelegenen Orte Kurú-Tschesme. An der Spitze dieser Werkstätte standen französische Offiziere, Artilleristen und Ingenieure, und unter diesen befand sich einer, der war ein Elsässer von Geburt. Diese Offiziere nun, höflich und gesellig, wie Franzosen es sind, machten Besuch im Hause des preußischen Gesandten, ihres Nachbarn, und waren liebenswürdige Leute und immer freundlich zu den Knaben. Als man aber zu merken anfing, daß die Russen Sewastopol nicht so leichten Kaufes herzugeben, vielmehr es zu verteidigen gedachten auf Blut und Knochen, und daß der Krieg lange, vielleicht sehr lange dauern würde, ließen sie, soweit sie verheiratet waren, ihre Familien aus Frankreich nachkommen.

Verheiratet aber war von den Offizieren nur der eine, der elsässische Ingenieur, und nach einiger Zeit kam also dessen Frau in Kurú-Tschesme an und brachte ihren Jungen mit. Das war ihr und ihres Mannes einziges Kind und hieß Archambauld.