Bald darauf erschien dann die Frau Ingenieur mit ihrem Jungen und machte Besuch im Hause des Gesandten, und dabei lernten die Knaben den Archambauld kennen, einen schönen, schlanken, dunkellockigen Jungen mit großen braunen Augen, und erfuhren, daß er gerade so alt war wie sie. Anfänglich aber waren sie beiderseits etwas verlegen, denn der Archambauld sprach hauptsächlich französisch, und zwar auch ein wenig deutsch, aber nicht sehr gut, die Knaben aber hauptsächlich deutsch, und zwar auch ein wenig französisch, aber nicht sehr gut. Darum beschränkten sie sich zunächst darauf, ihm ihre Spielsachen zu zeigen, namentlich ihre Zinnsoldaten, von denen sie viele besaßen, und als der Archambauld die sah, leuchteten ihm die Augen, denn Spielsachen besaß er überhaupt nicht viele, hier aber in dem fernen, fremden Lande natürlich fast gar keine. Dann spielten sie mit ihm, indem sie ihre Zinnsoldaten aufbauten, in zwei feindlichen Parteien einander gegenüber, und Papierkugeln drehten und auf beide Seiten des Tisches traten, jeder hinter eine Partei, und die Gegenpartei mit den Papierkugeln beschossen. Das machte ihnen allen dreien – denn der Knaben waren zwei, und mit Archambauld waren sie drei – großes Vergnügen, und wenn dem Archambauld ein guter Wurf gelungen war, daß recht viel Zinnsoldaten umfielen, schrie er vor Vergnügen laut auf » oh comme ils sont – ge–purzelt – est ce qu'on dit comme cela?«1 Alsdann lachten die beiden und sagten » oui, oui, on dit comme cela.«2
Trotzdem, wie gesagt, kamen sie zu dem kleinen Franzosen in kein rechtes Verhältnis, denn lieber und bequemer war es ihnen, mit ihren deutschen Freunden zu verkehren, das waren die Söhne eines deutschen Kaufmanns, die mit ihren Eltern in Bebék wohnten, dem Nachbarort von Arnautköi, auf der anderen Seite von Kurú-Tschesme. Mit denen kamen sie in jeder Woche mehrere Male zusammen, sei es, daß sie zu ihnen nach Bebék gingen, oder daß diese sie in Arnautköi besuchten; und jedesmal, wenn letzteres geschah, wurde hinausgezogen in den Garten, der hinter dem Hause lag, und dann wurde alles Mögliche vorgenommen. Der Garten nämlich war wunderschön, er stieg an den Uferhöhen in Terrassen empor; diese Terrassen waren durch steinerne Treppen mit einander verbunden. Da konnte man laufen und springen. Außerdem standen große Bäume in dem Garten, da konnte man klettern. Am schönsten aber war er ganz droben, wo er den Kamm der Höhe erreichte, da ging er in eine Art von Wildnis über, eine Wildnis von Oleander- und Ginstergebüsch. Zwischen den Büschen standen Kastanien und Pinien. Mit den Kastanien konnte man sich Schlachten liefern; die Pinienäpfel konnte man am Feuer, das man sich selbst mit knisterndem Ginster anzündete, rösten und die wohlschmeckenden Kerne daraus hervorholen und essen. O ja, das war ein Leben!
Nun aber geschah etwas Merkwürdige und Trauriges: der elsässische Ingenieur, der Vater des Archambauld, ging eines Tages ganz plötzlich mit Tode ab. Er war ein Mann in den kräftigsten Jahren, in voller Gesundheit gewesen; niemand hatte etwas davon gehört, daß er krank geworden sei – also woher der plötzliche Tod? Seine Kameraden, die französischen Offiziere, machten nachdenkliche Gesichter und sprachen von der Sache mit einem Ausdruck, als wenn sie hätten sagen wollen, »sprecht nicht zuviel davon«. Allmählich nämlich verbreitete es sich, daß der Mann durch eigene Hand ums Leben gekommen war. Was ihn dazu getrieben hatte, erfuhr man nicht, und hat es bis heute nicht erfahren.
Das war nun ein schwerer Schlag für seine Frau, die jetzt als Witwe mit ihrem Jungen in dem fernen, fremden Lande saß, und ihr einziger Trost im Unglück war es, daß sie die Frau des preußischen Gesandten in der Nähe hatte, die sich ihrer annahm, wie eben nur eine gute, kluge, starke Frau sich des bedrängten Mitmenschen annehmen kann.
»Denkt einmal,« sagte sie zu ihren Knaben, »wie traurig es dem armen Archambauld geht. Nun werdet ihr recht gut und freundlich zu ihm sein, so lange er noch hier ist, nicht wahr? – Ich will heute zum Besuch zu seiner Mutter gehn und ihr sollt mich begleiten. Möchtet ihr ihm nicht eine kleine Freude machen und etwas schenken von euren Spielsachen?« – Darauf gingen sie in die Stube, wo ihre Zinnsoldaten waren und nahmen jeder eine Schachtel davon, von den schönsten, und steckten sie ein; dann, als sie mit ihrer Mutter nach Kurú-Tschesme gekommen waren, wurde ihnen ganz feierlich zu Mut, denn weil erst vor kurzem das Leichenbegängnis gewesen, war die Wohnung noch ganz schwarz ausgeschlagen, und in dem dunklen Salon saß die Witwe, schwarz angezogen, und neben ihr stand der Archambauld, auch schwarz gekleidet, und sein hübsches Gesicht war blaß, so daß man die braunen Augen ganz dunkel darin glänzen sah. Darauf gingen die Knaben auf ihn zu, und weil sie in ihrer Verlegenheit nicht recht wußten, was sie sagen sollten, griffen sie gleich in die Tasche und holten ihre Schachteln mit den Zinnsoldaten hervor, reichten sie ihm hin und sagten: »Du armer Archambauld, da haben wir dir etwas mitgebracht.«
Und als der Archambauld den Deckel von den Schachteln genommen hatte und die schönen Zinnsoldaten darin erblickte, die ihm damals so sehr gefallen hatten, ging ein heller Schein über sein bekümmertes Gesicht, er lief zu seiner Mutter und zeigte ihr seine Schätze und sagte ganz selig » oh Maman – ils m'en ont fait cadeau!«3
Dann kam er schüchtern, aber mit strahlenden Augen zu den Knaben und streckte ihnen die Hand hin und sagte »o das – sein schön – das sein sehr schön – oh merci! merci bien!«4 Und indem er so sprach, wurden ihm die Augen feucht, und plötzlich liefen ihm die dicken Tränen an den Wangen herab, und dann warf er sich den beiden an die Brust, erst dem einen, dann dem anderen, und umarmte sie und küßte sie und sagte schluchzend » ah que Vouz êtes bon! ah comme je Vous aime! ah comme je Vous aime!«5
Den Knaben aber, die so etwas gar nicht gewöhnt waren, denn mit ihren deutschen Freunden gaben sie sich die Hand, aber sie küßten sich mit ihnen nicht, machte es einen ganz wunderbaren Eindruck, als der schöne, dunkellockige Junge, der so ganz anders aussah als jene, sie so leidenschaftlich und zärtlich in die Arme schloß und küßte, und als sie ihn so weinen sahen, wurden sie auch gerührt und fingen auch zu weinen an.
Inzwischen hatte dann die Witwe mit der Mutter der Knaben gesprochen und ihr erzählt, daß sie nun mit ihrem Jungen nach Frankreich zurückkehren würde, aber das würde noch Wochen dauern, denn zunächst müßte sie ihren Hausstand wieder auflösen, den sie vor kurzem erst eingerichtet hatte; sodann wollte sie, weil sie arm und die Reise ihr zu teuer war, das Depeschenbot der französischen Regierung erwarten, das alle sechs bis acht Wochen von Frankreich nach der Krim und von da wieder nach Frankreich zurückfuhr, weil sie auf dem freie Fahrt haben würde. Bis das aber das nächste Mal von Sewastopol wieder herunterkam, würde es noch lange dauern, weil das letzte erst ganz vor kurzem nach Frankreich gegangen war.
»Also nicht wahr,« sagte darauf die Gesandtin zu ihren Knaben, »so lange der Archambauld noch hier ist, wird er nun, so oft er kann, zu euch kommen und mit euch im Garten spielen? Und wenn ihr mit dem Ernst und dem Ferdinand spielt – so hießen nämlich ihre kleinen deutschen Freunde aus Bebék – wird der Archambauld auch immer dabei sein?«