Und weil der Archambauld zwar nicht sehr gut deutsch sprach, es aber ganz gut verstand, so hatte er verstanden, was die Mutter zu ihren Knaben sagte, und sah diese mit erwartungsvollen Augen darauf an, was sie erwidern würden. Die beiden aber, als sie seinen Blick gewahrten, der so ängstlich an ihnen hing, wurden wieder so gerührt davon, daß sie beide gleichzeitig mit ausgestreckter Hand auf ihn zugingen und »du armer Archambauld« sagten. »Komm du nur so oft du kommen willst.« Da fuhr der Archambauld trotz all' seines Kummers wie ein Bolzen empor, der von einer Spiralfeder geschleudert wird, und klatschte vor Wonne in die Hände und lief zu seiner Mutter und küßte sie ins Gesicht, und dann zu der Mutter der Knaben, und küßte ihr die Hände, » oh merci madame, oh bien merci, madame!«6, und dann kam er zu den Knaben, sprang zwischen sie und faßte sie unter die Arme und hing sich in ihre Arme, so daß er zwischen den beiden wie in einer Schaukel hing, und schaukelte sich und lachte und freute sich, so daß die beiden, denen so etwas Übersprudelndes noch nie vorgekommen war, auch zu lachen anfingen und die Arme höher hoben, damit er besser schaukeln könnte. Und dann, als sie Abschied nahmen, kamen sie ihrerseits und wurden vor Verlegenheit ganz rot, indem sie ihn nun ihrerseits küßten, und an der Art, wie er es erwiderte, merkten sie, daß er nicht nur ein hübscher Junge, sondern auch ein herziger, lieber Kerl war, und von da an wurden sie mit dem Archambauld gute, gute Freunde.
Schon am nächsten Tage kam er an, und dann mindestens einen Tag um den andern, häufig aber auch Tag für Tag, und als er das erste Mal erschien und den Garten erblickte, der mit seinen Terrassen vor seinen Augen emporstieg, wurde er ganz starr vor Staunen und sagte: » mais que c'est beau! que c'est beau! que c'est beau!«7
Die Knaben ließen ihn eine Zeit lang staunen, denn es machte sie stolz, daß ihm der Garten ihrer Eltern so gut gefiel, dann aber sagten sie »jetzt komm – wir wollen jetzt in den Feigenbaum gehn.«
In dem Garten nämlich stand ein Feigenbaum, ein großer, und das war ein Baum, wie er herrlicher gar nicht gedacht werden kann. Den Knaben erschien er beinah wie ein Mensch, ein langmütiger, freigebiger, gütiger Mensch, so geduldig ließ er sich mit Füßen treten, wenn sie in seinen Zweigen herumkletterten, so reichlich spendete er zur Zeit, wenn die Feigen reif wurden, seine Früchte, große grüne Feigen, an deren jede er, wenn der letzte Augenblick gekommen war, ein Honigtröpfchen hing, als wollte er andeuten »jetzt müßt ihr pflücken.« Lieber aber, als die Feigen, hatten die Knaben das Klettern, und dem Archambauld ging es ebenso. Sobald sie daher an den Baum gelangt waren, ging es mit einem »hurr« den Baum hinauf, die beiden Knaben voran, hinter ihnen drein der Archambauld, und da zeigte es sich, was freilich bei seinen schlanken Gliedern nicht anders zu erwarten war, daß er ein famoser Kletterer war. Da saßen sie dann, ganz droben im Wipfel, alle drei, über ihnen rauschte der alte Baum, und wenn sie verstanden hätten, würden sie gehört haben, wie er zu ihnen sprach: »Habt euch lieb, ihr kleinen Menschen, wenn die Menschen erwachsen und groß werden, hört die Liebe zwischen ihnen auf.«
Später dann, als der Ernst und der Ferdinand aus Bebék kamen, wurden sie mit dem Archambauld bekannt gemacht, und dann zog man zusammen hinauf in die schöne Gartenwildnis, und dort oben zwischen den Ginster- und Oleandergebüschen wurde mächtig gespielt. Alle möglichen Spiele: Verstecken und Abschlag, Weißer und Indianer, vor allem aber Erstürmung von Sewastopol. Und bei all' diesen Spielen der Gewandtesten einer war der Archambauld. Wenn er so dahin sauste zwischen den Gebüschen, mit den flatternden Locken, dann sah er aus wie ein befiederter Pfeil, wenn er zum Sturm auf Sewastopol angelaufen kam, einen Ginsterbusch oder Oleanderzweig als Waffe schwingend, dann war ein Feuer in ihm, daß er aussah wie eine hüpfende Flamme. Und dabei so liebenswürdig: wenn er in der Hitze des Kampfes einen von seinen beiden Freunden – denn wirkliche Freundschaft hatte er doch nur mit den beiden Knaben geschlossen – etwas unsanft getroffen hatte, gleich kam er nachher und streichelte » oh mais, cela n'a pas fait mal? n'est ce pas? cela n'a pas fait mal?«8
Einmal nun hatten sich die Eltern der Knaben für diese und ihre Freunde ein ganz besonderes Vergnügen ausgedacht: Bivak sollte gespielt werden. An einem schönen Sommerabend wurde auf der obersten Terrasse des Gartens, auf der zwei hohe Pinien und ein alter Tamarindenbaum standen, ein großes Zelt aufgeschlagen, Stroh wurde hineingelegt, und in dem Zelte sollten sie die Nacht schlafen. Das war nun ein Gaudium für alle, namentlich aber für den Archambauld, in dem sich das Soldatenblut schier ungestüm regte. Neben dem Zelte wurden Holzscheite aufgestapelt, und als es dunkelte, wurden sie angezündet. Das war das Wachtfeuer. In der Asche des Feuers brieten sie sich Kartoffeln, die sie aßen, soweit sie nicht verbrannt waren, und dann setzte man sich im Kreise herum, denn die Freunde aus Bebék hatten noch andere Freunde mitgebracht, und trank etwas Glühwein und unterhielt sich.
In der Unterhaltung, die sich natürlich um den Krieg drehte, kam es nun heraus, daß jeder von den Jungen für eines von den kriegführenden Völkern Partei genommen hatte: da war der eine für die Engländer, der andere für die Russen, wieder einer für die Franzosen und der andere für die Türken. Einer – aber der wurde ausgelacht – war sogar für die Tunesen, die am Tage zuvor auf einem türkischen Linienschiff angekommen waren und mit ihren großen roten Mützen und den wilden braunen Gesichtern darunter einen graulichen Eindruck gemacht hatten. Der Archambauld, der zwischen seinen beiden Freunden saß, verhielt sich dabei ganz still – auf wessen Seite der stand, nun das brauchte man ja nicht erst zu fragen. Darauf aber meinte der, welcher für die Russen war, daß jetzt freilich die Russen ganz allein ständen, aber nächstens würden die Preußen kommen und ihnen helfen. Als der Archambauld das hörte, riß er die Augen weit auf, sodaß sich das Feuer in seinen braunen Augen spiegelte, und legte die Hände auf die Kniee seiner beiden Freunde und kniff sie leise, als wenn er hätte sagen wollen »Habt ihr das gehört?« Einer von den Söhnen des deutschen Kaufmanns aus Bebék aber erwiderte »Nein« – ihr Vater, der sein Kontor in Stambul hatte, wäre heut nachmittag nach Haus gekommen und hätte erzählt, jetzt wäre es entschieden, und die Preußen würden den Russen nicht helfen, sondern sie würden neutral bleiben. Das bestätigten dann die Knaben, die von ihrer Mutter dasselbe gehört hatten. Als der Archambauld das vernahm, seufzte er wie erleichtert auf und legte die Arme um seine beiden Freunde und sagte leise: » Ah que c'est bien! que c'est bien! «9
Nun aber, weil das Feuer heruntergebrannt war, stand alles auf. Einer von den Jungen, der eine Trommel besaß, trommelte etwas darauf, das bedeutete den Zapfenstreich, und dann ging alles ins Zelt, um auf dem Stroh zu schlafen. Der Archambauld wollte natürlich nirgends anders als bei seinen beiden Freunden schlafen und richtete es so ein, daß er zwischen ihnen lag, und schob seine Arme unter sie und schmiegte sich zwischen sie und an sie, und da fühlten sie so recht, was für ein liebevolles Gemüt in dem Jungen war.
Darauf, als es in dem Zelte schon ganz still zu werden anfing, weil einige schon eingeschlafen, die anderen im Einschlafen waren, fing der Archambauld zu flüstern an, so daß seine Freunde merkten, daß er noch in Gedanken wach gelegen hatte, und sie wurden auch wieder wach. » Ecoutez,«10 sagte er ganz leise, »ich – wenn ich werde groß sein – werde mich Soldat machen – ihr auch?«
Darauf erwiderten sie, daß sie gehört hätten, in Preußen müßten alle Soldat werden.