Nachdem er sodann wieder ein Weilchen geschwiegen hatte, fing er wieder an und meinte, »aber die Franzosen und die Preußen hätten noch niemals miteinander gekämpft – nicht wahr?«

Da mußten nun die beiden Knaben wirklich lachen, und sie taten es so leise wie möglich, weil sie hörten, wie wenig der Archambauld in der Geschichte Bescheid wußte, und sie sagten, »aber Archambauld, gewiß doch, sehr, weißt du denn das nicht?«

»Aber künftig,« fuhr er dann fort, »würden sie es nie wieder tun, n'est çe pas?«11

Darauf erwiderten sie, daß sie das auch hofften, denn sie hätten ja die Franzosen sehr gern, aber wissen könnte man so etwas doch nicht. Da aber zog sie der Archambauld, der seine Arme unter sie gelegt hatte, plötzlich beide so an sich, daß ihre Gesichter an seinem Gesicht lagen, und mit einem Male fühlten sie, daß seine Wangen von Tränen ganz feucht waren, und hörten, wie er leise schluchzend sagte » ah que cela ne se fasse jamais! jamais! jamais!«12 Und weil sie nun gar nicht wußten, was sie darauf sagen sollten, schwiegen sie; der Archambauld wurde auch still, und bald darauf schliefen sie alle drei ein.

Inzwischen aber war nun die Zeit herangekommen, daß der Archambauld mit seiner Mutter abreisen sollte. Am letzten Tage kamen sie beide noch einmal nach Arnautköi, um mit den Knaben und deren Eltern vor der Abfahrt zu frühstücken. Da saß dann der Archambauld zum letzten Male zwischen seinen beiden Freunden und sprach kein Wort und war ganz blaß, und mit den Händen hielt er die Hände seiner Freunde.

Alsdann stiegen alle in den dreirudrigen Kaïk – so heißen dort die Ruderbote – des Gesandten, und fuhren hinaus und da sahen sie auch schon den französischen Depeschendampfer den Bosporus herunterkommen. Der Dampfer hielt an, die Passagiere aufzunehmen. Und als nun der letzte Augenblick da war, umarmte der Archambauld seine beiden Freunde noch einmal und küßte sie, und die Tränen liefen ihm an beiden Backen herab und die Stimme brach ihm, weil er so schluchzte.

»Wenn wir – werden groß sein – peut être que nous nous reverrons.13 – Wir werden sagen – Arnautköi – rien que ça, rien que ça14 – werden wir wissen – alles – alles – alles!« Dann mußte er mit seiner Mutter die Treppe hinaufsteigen, die man vom Schiffe herabgelassen hatte; das Gepäck wurde hinaufgegeben. Dann setzte sich der Dampfer wieder in Gang, und vom Schiffsbord wehte ein weißes Fähnchen, das war der Archambauld, der mit dem Taschentuch seinen Freunden Lebewohl winkte, Lebewohl.

Lebewohl – Abschied fürs Leben. Nicht allzu lange mehr sollte es dauern, so trug das Meer, das den Archambauld nach Frankreich zurückgetragen hatte, auch die Knaben nach Deutschland heim. Und dann kam das Leben, der alte harte Schulmeister, und packte seine Aufgaben aus, deren erste und schwerste bekanntlich heißt: vergessen, daß man ein Kind gewesen ist. Da versank das alte Haus in Arnautköi, der Garten mit seinen Terrassen und seiner schönen Ginster- und Oleander-Wildnis, der große gütige Feigenbaum – alles wurde zum Traum, und der Traum wurde blasser und blasser.

Neue Menschen kamen, neue Gesichter tauchten auf, dafür gingen andere, alte, liebe Gesichter unter und unter diesen das eine, dessen Erlöschen der Mensch nicht verwindet, weil, wenn es hingeht, der heilige Mensch aus seinem Leben geht, das Antlitz der Mutter. Ob der Archambauld vom Tode der Frau, die auch zu ihm so gütig gewesen war, etwas erfuhr? Keine Nachricht kam her, keine Nachricht ging hin – niemand hörte etwas von ihm und seiner Mutter im fernen Frankreich, so wurde auch sein Gesicht zum verblassenden Kindheitstraum und ging unter mit all' den anderen. –

Nach diesem allen aber, beinah zwei Jahrzehnte danach, ergriff die Weltgeschichte wieder das Wort, um allen, die etwa glaubten, sie wäre zum Gespenst geworden, zu zeigen, daß sie ein furchtbar lebendiges Wesen sei. Wieder, wie damals, standen die Franzosen im Feld, aber nicht wie damals gegen die Russen, sondern gegen die Deutschen und vor allem gegen die Preußen. Es hatte also nichts geholfen, was der Archambauld in jener Nacht im Bivakszelt gefleht hatte: » Ah que çela ne se fasse jamais! Möchte das niemals, niemals geschehen!« Und während sie damals auf Sewastopol und den Malakoff sturmgelaufen waren, standen die Franzosen heute, am 18. August 1870, verschanzt und verbarrikadiert auf den Höhen von Metz, in Saint-Privat, und ließen die Preußen auf sich anstürmen.