Auf die baumlose Ebene, über welche die Angreifer herauf mußten, prasselten die Mitrailleusen- und Chassepotkugeln. Es war, als wenn von droben eine eiserne Wand daherrauschte, die einem den Atem benahm, bevor sie einen zermalmte. Und sobald eine solche Wand vorübergefegt war, kam eine zweite, eine dritte, und ohne Aufhören. Man sah nichts von ihnen, man hörte nur, wie sie heulend, zischend, pfeifend die Luft vor sich herschoben. Dann vernahm man dumpfes Einschlagen von Kugeln in menschliche Glieder, gräßliche Schreie, schmetterndes Niederstürzen von Leibern. Und das alles stundenlang, ohne Pause, ohne Ruhe zum Atemholen, immer weiter, einen langen, endlos langen Sommernachmittag lang. Bis daß endlich, allem zum Trotz, das schreckliche Nest, aus dem die bleiernen Todesvögel geflogen kamen, Saint-Privat, dennoch erreicht war und die Preußen, soviele von ihnen noch lebten, stürmend darin eindrangen.
In dem ummauerten Kirchhof standen die letzten Franzosen, und als jetzt die blut- und schweißbedeckten Gesichter der Preußen über der Mauer erschienen und die Preußen die Mauer zu übersteigen begannen, drehten sie die Gewehrkolben nach oben – »Ergebung! Ergebung!«
An der Spitze der Preußen kam ein Offizier; es war ein noch junger Mann, sein Rock von Kugeln aufgerissen, er selbst aber unverwundet. Drüben, unweit der Mauer, an ein Grabkreuz gelehnt, saß der Offizier, der die Franzosen kommandiert hatte, auch noch ein junger Mann; sein Gesicht war totenblaß, ein alter Sergeant stand neben ihm und drückte ihm das Tuch auf die Brust, aus der das Blut quoll.
Und nun begab sich etwas Merkwürdiges:
Indem sich Angreifer und Verteidiger, Sieger und Besiegte einen Augenblick lautlos, keuchend gegenüberstanden, trat der preußische Offizier auf den jungen Franzosen drüben zu, der ihn nicht kommen sah, weil er die Augen geschlossen hatte, überhaupt nichts mehr von allem zu hören und zu sehen schien, weil er mit dem Tode rang. Wie jemand, der sich fragt »ist er's?« sah der Preuße dem anderen ins Gesicht, dann beugte er sich über ihn und sagte ihm ein Wort. Und als es der Franzose nicht mehr zu hören schien, wiederholte er das Wort ganz laut, so laut er konnte, und es war ein Wort, das weder seine Leute, noch die des Sterbenden verstanden, weil es nicht deutsch war und nicht französisch – »Arnautköi!«
Als der Sterbende das Wort vernahm, taten seine Augen sich auf, große, braune, schöne Augen, ein Ausdruck ging über sein bleiches Gesicht, wie ein fragendes Staunen, wie ein letzter, verschwimmender Erdengedanke. Er richtete den Blick auf den Preußen, seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen, aber sprechen konnte er nicht mehr. Er ließ das Haupt sinken, daß es an der Brust des andern lag, und in den Armen des jungen Preußen starb der junge Franzose.
Das alles war so wunderbar anzusehen, daß beide Parteien, Preußen und Franzosen, wie gebannt standen. Einen Augenblick war schweigender Frieden über der blutigen Stätte, wie wenn ein Rauschen gekommen wäre – niemand hätte sagen können, woher – beinahe wie das Rauschen eines Baumes aus weiter, weiter Ferne, wie wenn eine Stimme gesprochen hätte – niemand hätte sagen können, wer da sprach – »Liebt euch, ihr Menschen, ihr Menschen, habt euch lieb.«
Anmerkungen.
1 Oh wie sie – ge–purzelt sind – sagt man so?2 Ja ja, man sagt so.3 Oh Mama – die haben sie mir geschenkt!4 Dank, vielen Dank!5 Ach, wie Ihr gut seid! wie ich Euch lieb habe! wie ich Euch lieb habe!6 Oh, ich danke Ihnen, gnädige Frau, ich danke Ihnen vielmals!7 Wie ist das aber schön! wie schön! wie schön!8 Es hat aber doch nicht weh getan? Nicht wahr? es hat nicht weh getan?9 Ach, das ist gut! Das ist gut!10 Hört!11 Nicht wahr?12 Ach, möchte das niemals, niemals geschehen!13 werden wir uns vielleicht wiedersehen.14 weiter nichts, weiter nichts.