Friedrich Spielhagen wurde am 24. Februar 1829 zu Magdeburg geboren, studierte in Berlin, Bonn und Greifswald Jurisprudenz, Philosophie und Philologie, war eine Zeitlang als Hauslehrer tätig und widmete sich bald ausschließlich dem literarischen Berufe. Seinen Ruhm begründete er durch seinen Roman »Problematische Naturen«, der bereits alle Eigentümlichkeiten der Spielhagenschen Kunst zeigte: eine kunstgerecht aufgebaute, spannende und ereignisreiche Handlung, leidenschaftlich bewegte, interessante Charaktere, das echte Pathos eines ritterlichen Mannes, eine Fülle geistvoller, horizontreicher Ideen und vornehme Behandlung der Sprache. Wie die Ereignisse jenes Romans sich auf dem Hintergrunde der 48er Revolutionsbewegung abspielen, so hat Spielhagen auch später mit Vorliebe zum Hintergrund seiner erzählenden Schöpfungen politische und soziale Kämpfe gewählt, die er von einem konsequent freisinnigen Standpunkte aus beleuchtet. Sein bestes Werk neben den »Problematischen Naturen« ist die »Sturmflut«; aber auch »Hammer und Amboß«, »In Reih und Glied«, »Was die Schwalbe sang«, »Uhlenhans«, »Selbstgerecht« und die herrliche Novelle »Quisisana« sind in hohem Grade lesenswert.
Spielhagens Bedeutung liegt im allgemeinen weniger in der kleinen Erzählung als im weit ausladenden Roman und in der Novelle, die er ebenfalls breit anlegt und die bei ihm gewöhnlich einen Umfang annimmt wie bei den Neueren ein Roman. Seinen gewandten, vielseitigen und vornehmen Geist und seine Erzählerkunst zeigen aber auch seine kleineren Schöpfungen, und unter diesen haben wir »Breite Schultern« gewählt, weil sie vom Ruhm und Segen der Arbeit, auch der schweren körperlichen Arbeit spricht und weil die Bücher unserer Stiftung ja vor allem hinausgehen sollen zu den Werktätigen und Mühseligen.
O. E.
Breite Schultern.
Aber ihr wollt doch unmöglich schon fort, Ihr Herren? sagte Gottlieb.
Es ist hohe Zeit, sagte der Assessor Stricker, sich erhebend und die Spitzen seiner schlanken Finger mehrmals auf einander drückend.
Die gnädige Frau hat ganz zweifellos schon einige Male leise gegähnt, sagte der Leutnant von Berkenfeld, mit einem Blick zärtlichen Vorwurfes nach der jungen Dame in der Sophaecke.
Nonsens, sagte Gottlieb; Emma ist munter wie eine Lerche. Sehen Sie doch nur die Augen! Geh', Emmy, hol' uns noch ein wenig Zucker, Kind!
Die junge Frau erhob sich aus ihrer Ecke und ging nach dem Buffet, das im Hintergrunde des großen und stattlichen Gemaches stand.
Tut den Frauen gut, so eine kleine Motion, sagte Gottlieb mit leiserer Stimme; schlafen sonst gar zu leicht ein. Merkwürdig, wie man bei gutem Grog und guten Zigarren einschlafen kann! Aber die Weiber, die Weiber! es ist ein Jammer mit den Weibern! Es fehlt ihnen allen so der rechte Sinn für die tiefe Poesie, die aus einem beinahe leeren Glase heraufblinkt; sie haben kein Herz dafür, keine Seele, keine Eingew–