Ebenso gut aber wie zum Teufel, dachte ich, könne ich auch auf das Komtor der Firma Jäger, Breitkopf u. Co. gehen und mich als Kandidaten für die erledigte Stelle präsentieren.
Die Sache war aber nicht ganz so leicht, wie sie aussah. Zuerst war Gefahr im Verzuge, denn ich wußte, daß sich bereits binnen der drei ersten Tage zweiundzwanzig Bewerber gemeldet hatten; und doch konnte ich vor dem nächsten Sonnabend, wo ich nach der Morgenwache einen freien Nachmittag hatte, meinen Posten nicht verlassen. Sodann fehlte es mir gänzlich an einer Garderobe, die für den feierlichen Akt berechnet gewesen wäre. Mit den Stiefeln und der Wäsche ging es ungefähr, auch ein paar schwarze Beinkleider fanden sich, die ihren Zweck zu erfüllen versprachen, wenn ich die Nähte mit Tinte nachschwärzte. Eine weiße Weste kaufte ich mir merkwürdig billig bei meinem Antipoden, einem Trödler, der fünf Stock unter mir im Keller desselben Hauses wohnte. Es fehlte jetzt nur noch an einem Frack, und den lieh mir mein damaliger Kollege und jetziger Ober-Aufseher und hoffentlich lebenslänglicher Freund, Hans Ohnesorge, der vor vierzehn Tagen Hochzeit gemacht hatte und im Vollbesitze eines neuen, vor Neuheit, wie mir schien, geradezu strahlenden Fracks war.
Hans Ohnesorge, sagte ich, als er mich am Sonnabend Mittag ablöste und ich den Frack, den er mir, in ein Tuch geschlagen, mitgebracht hatte, im Gasometergebäude anprobierte, Hans Ohnesorge, ich kann nicht dafür stehen, daß ich Ihnen nicht die Nähte an den Ärmeln oder gar den ganzen Rücken herausplatze.
Immer d'rauf, Herr Roland, sagte Hans Ohnesorge; wenn Sie die Stelle bekommen, können Sie mir ja einen andern schenken, und wenn Sie die Stelle nicht bekommen – aber das ist ja gar nicht möglich! Ein Mann wie Sie braucht ja nur merken zu lassen, daß es ihm Ernst ist, da geht es ja von selbst.
Hans Ohnesorge, müssen Sie wissen, hielt mich so ziemlich für den größten Mann meines Jahrhunderts. Ich war ihm sein Held, sein Ideal; und wenn ich gesagt hätte: Hans Ohnesorge, ich bin entschlossen, Kaiser von Fez und Marokko zu werden, er würde gesagt haben: Immer d'rauf, Herr Roland; das ist Ihnen ja eine Kleinigkeit.
Nun, Ihr Herren, ich lachte freilich über die treuherzige Einfalt des guten Gesellen, aber so ganz geheuer war mir denn doch nicht, als ich in dem engen Frack vor dem Komtor von Jäger, Breitkopf & Co. stand und erst leise, dann lauter und zuletzt sehr laut anklopfte.
Herein, sagte endlich eine scharfe Stimme. Ich glaubte anfänglich, es habe irgendwo in der Nähe eine Tür geknarrt, aber es war wirklich eine Menschenstimme gewesen, und so trat ich denn ein.
In dem großen Zimmer befand sich in diesem Augenblick – es war nämlich schon etwas spät geworden und die Komtoristen waren zum Essen gegangen – niemand Geringeres, als – na, Ihr Herren, meine Frau ist glücklich in ihrer Ecke eingeschlafen, und so kann ich Ihnen sans gêne sagen, wie mein würdiger Schwiegervater ausschaut, wenn man ihn zum ersten Male – besonders in der Stunde vor Tisch, wo er hungrig und beißig ist, sieht: wie das Titelkupfer auf dem englischen Punch ohne den Mops und den Höcker, aber noch ein wenig grimmiger – ja, wie er mir an dem Mittag vorkam, ganz außergewöhnlich, und so zu sagen: polizeiwidrig grimmig und menschenbeißig.
Was wollen Sie, schnarrte der kleine alte Herr, indem er sich auf seinem Komtorstuhl halb zu mir umdrehte.
Mich ge – ich wollte sagen gehorsamst; aber weil mir das eine verächtliche Kriecherei dünkte, so hustete ich blos und sagte dann sehr kecklich: zu der vakanten Gasdirektorstelle melden.