Nach dieser Katastrophe wagte ich, wie Sie sich denken können, nicht, in das väterliche Haus zurückzukehren. Ich drückte mich eine Zeitlang bei Verwandten herum, bis der Termin kam, wo ich des Königs Rock anziehen konnte. Ich wurde mit den Kanonen viel besser fertig als mit den lateinischen Exerzitien, und da mein Hauptmann mich gern hatte und mein Vater es wünschte, meldete ich mich, als mein Jahr zu Ende war, zum Weiterdienen und brachte es auch wirklich in verhältnismäßig kurzer Zeit zum Vize-Feuerwerker. Schon sah ich die Epauletten auf meinen Schultern blinken, als – nun, Berkenfeld, Ihren Stand in allen Ehren, aber mit der militärischen Subordination ist es doch manchmal ein wunderlich Ding, das einen ehrlichen Kerl zur Verzweiflung bringen kann. Gerade zu der Zeit wurde ein Bürschchen, mit dem ich zusammen auf der Schule gewesen war, und das ich oft und oft, ich glaube noch heute verdientermaßen, durchgeprügelt hatte, aus der Kadettenschule entlassen, und natürlich – um das Maß meiner Sünden voll zu machen – in meine Batterie eingestellt. Wie viel der neugebackene Leutnant auf der Kadettenschule gelernt hatte, lasse ich dahingestellt, daß er aber nichts vergessen hatte, zum wenigsten nichts, was sich auf unser früheres Verhältnis bezog, wurde mir nur zu bald klar. Der Name tut nichts zur Sache, Ihr Herren; auch habe ich dem Manne längst vergeben, und wenn er in diesem Augenblick zur Tür hereinträte, sollte er mir willkommen sein; aber damals war ich zehn Jahre jünger und dümmer, vielleicht trieb er es auch gar zu toll; zum wenigsten kam ich nur fünf Jahre auf Festung, was, wie man mir sagte, unter diesen Umständen ein ganz unerhörtes Glück zu nennen sei.
Nun: es hat jedes Ding seine zwei Seiten, selbst eine Festungshaft. Die schlimme und schlimmste Seite war für mich die, daß mein armer Vater sich über meine Schande gar nicht zu trösten vermochte und bald darauf, ich fürchte an gebrochenem Herzen, starb. Ich war sein einziges Kind gewesen, und der Himmel weiß, welche glänzende Zukunft er für mich erträumt hatte. Er hatte es nie über die Stellung eines viel gehudelten Subalternbeamten hinausbringen können; ich sollte nun wenigstens Regierungsrat werden. Er hatte mich sehr geliebt, mein guter alter Vater, und der größte Kummer meines Lebens ist, daß ich ihm – der Himmel weiß, wie sehr gegen meinen Willen! – so viel Kummer habe machen müssen. Er war vielleicht kein Genie, mein guter alter Vater, aber ein braver Mann – Friede seiner Asche!
Ja! und die gute Seite von meiner fünfjährigen Einsperrung? Vielleicht war ich zu vollblütig, oder mein Blut hatte nicht die rechte Mischung, oder mußte sich erst zurecht arbeiten, wie ein Wein, den man ein paar Monate im Keller liegen läßt, bevor man ihn auf Flaschen zieht. So viel weiß ich, daß in der ersten Zeit mein Blut gar fürchterlich in mir tobte, so daß ich schier glaubte: ich überlebte es nicht, oder würde zum wenigsten verrückt werden; aber nach und nach wurde es stiller und ruhiger in mir, ordentlich sonntäglich still und ruhig, und ich konnte mich gar nicht so unglücklich fühlen, wie ich es für meine Pflicht hielt. Wenn ich auch nicht recht begreifen konnte, weshalb ein Mensch, der sich keines Verbrechens bewußt war, wie ein Verbrecher behandelt werden müsse, so dachte ich: der liebe Gott werde es wohl wissen; und wenn der sich nicht um einen armen Schelm bekümmere, so sei es eben mein Schicksal, und gegen sein Schicksal könne der Mensch nichts. Und dann war ich ja doch ohne Zweifel sehr leichtsinnig gewesen, und es fiel mir schwer auf die Seele, wie schlecht ich immer meine lateinischen Vokabeln gelernt hatte. Zuletzt kam ich auf den Gedanken: ich müsse meiner Faulheit, meines Leichtsinns und meiner dummen Streiche wegen fünf Jahre lang nachsitzen. Das tröstete mich ungemein.
Dazu kam, daß man mich auf der Festung sehr, ja, ich kann wohl sagen, unverdienterweise gut behandelte. Im Anfang hatte ich allerdings meine Karre schieben müssen, wie die anderen; aber in der wilden Stimmung, in welcher ich mich damals befand, war das eigentlich ein rechter Segen für mich, und da ich Kräfte für Drei hatte, so arbeitete ich auch für Drei. In dieser Station bin ich aber nur wenige Wochen gewesen. Der Festungs-Gouverneur, Hauptmann von Eisenfresser, der trotz seines grimmigen Namens ein gar gütiger, lieber Herr war, mußte wohl recht warm für mich gesprochen haben. Die Ketten wurden mir abgenommen, und ich durfte in dem Festungsbureau als Schreiber arbeiten. Da bin ich denn die ganze übrige Zeit gewesen, und weil ich mich, schon aus purer Dankbarkeit gegen den edlen Mann, der ein wirklicher Edelmann war, wacker hielt und eine recht gute Hand schrieb – das Einzige, was ich auf der Schule ohne Anstrengung gelernt hatte – wurde ich bald Privatsekretär, so zu sagen, meines Gönners und so freundlich von ihm und seiner ganzen Familie behandelt, daß ich eigentlich nur noch dem Namen nach ein Sträfling war. Herr von Eisenfresser nahm sich meiner noch weiter an. Er machte die merkwürdige Entdeckung, daß ich nicht blos schreiben, sondern auch rechnen konnte, ja, daß ich, wie er sagte, ein entschiedenes Talent für die Mathematik habe. Ich lachte darüber zuerst ganz despektierlich; aber da er selbst ein ausgezeichneter Mathematiker und sehr stark im Beweisen war, so bewies er mir, daß er recht hatte. Mir war dabei ganz wunderlich zu Mute. Ich bekam zum ersten Male eine Art Respekt vor mir selber, aber einen noch viel größeren Respekt vor meinem Wohltäter, und als ich bald darauf eine leidlich schwere Aufgabe, die er mir gestellt hatte, ganz richtig löste und er mir auf die Schulter klopfte und sagte: Sehen Sie, Roland, daß Sie das ganz gut begreifen können – da habe ich helle Freudentränen geweint und dem guten Manne aus tiefinnerster Dankbarkeit die Hände geküßt.
Er tat noch mehr für mich.
Gerade in dieser Zeit wurde in der Zitadelle ein kleiner Gasometer aufgestellt. Herr von Eisenfresser leitete die Arbeiten selbst und ließ mich in seinem Bureau nicht allein sämtliche Anschläge und Zeichnungen anfertigen, sondern stellte mich auch als Aufseher bei dem Bau an, so daß ich das Theoretische und Praktische der Sache mit seiner Hilfe gründlich kennen lernte. Das kann Ihnen für Ihre Zukunft sehr nützlich werden, lieber Roland, sagte er oft, wenn er auf den Bau kam und mir, um mir seine Zufriedenheit zu erkennen zu geben, auf die Schultern klopfte.
Er liebte meine Schultern, der brave Herr. Sie waren so breit, und die seinen so sehr schmal. Es tut einem wohl, Sie anzusehen; man atmet ordentlich leichter, meinte er manchmal, und dabei lächelte er stets so freundlich und so traurig zugleich. Ich glaube, ich hätte mein Herzblut für ihn hingeben können, aber es würde ihm doch nichts geholfen haben. Er starb an der Schwindsucht – in meinen Armen, ein paar Wochen, bevor ich meine fünf Jahre nachgesessen und aus dem Karzer entlassen wurde.
Da war ich nun wieder auf freien Füßen, und, weiß es Gott, ich sehnte mich oft genug noch nach meinem Gefängnis und meinem gütigen Kerkermeister zurück. Die Welt kam mir sehr weit und, trotz all' der unzähligen Menschen, sehr öde vor. Es kümmerte sich keiner um mich. Mein Vater war tot, und so arm gestorben, wie er gelebt hatte. Meine Verwandten wollten von dem entlassenen Sträfling nichts wissen und verleugneten mich, wenn ich ihnen in den Weg kam, was ich natürlich so selten wie möglich tat. Ich kann wohl sagen, daß es mir eine Zeit lang recht herzlich schlecht ging und daß ich es für ein großes Glück hielt, als es mir endlich gelang, in der Gasanstalt hier eine Unteraufseherstelle zu erhalten. Ich hatte den Monat fünfzehn Taler. Sie können sich denken, wie weit ich damit bei meinem Appetite reichte! Oder vielmehr: Sie können es sich nicht denken. Ihr Herren seid in der Fülle des Glückes groß geworden und habt keine Ahnung davon, wie jemandem zu Mute ist, wenn ihm der Genuß in so spärlichen Rationen zugemessen wird. Und dann, war mein Vater auch nur Rechnungsrevisor gewesen, so war er doch ein Gentleman und hatte mich als Gentleman erzogen, ja, im Anfang vielleicht ein wenig verzogen. Meine Mutter war eine gebildete, feine Frau, und meine Eltern hatten sich stets in Kreisen bewegt, die eigentlich schon über der Sphäre ihrer gesellschaftlichen Stellung lagen. Ich hatte, bei allem meinem Leichtsinn und wilden Wesen, dennoch den Geschmack meiner Eltern für gute Formen und vielleicht auch etwas von dem Ehrgeize meines Vaters geerbt; und wenn jemand bei solchen Ansprüchen in einer Dachkammer wohnt, in einer Garküche vorletzten Ranges unter Bedienten, Zettelträgern, Wagenschiebern und ähnlicher ganz ehrenwerter, aber nicht immer ganz feiner Gesellschaft seine Diners und Soupers einnimmt und gezwungen ist, in einer beschmutzten Bluse oder, noch schlimmer, in einem schäbigen Rock, den er beim Trödler kaufte, über die Straße zu gehen – so hat das seine Unbequemlichkeiten, wie ich Sie aus jahrelanger intimster Erfahrung versichern kann.
Indessen war auch diese Zeit für mich nicht verloren. Ich lernte mein Fach von allen Seiten und auch von denen kennen, welche nur der eigentliche Arbeiter zu sehen bekommt; dabei trieb ich, schon aus Pietät für das Andenken meines lieben verstorbenen Wohltäters, meine mathematischen Studien eifrig fort, und mit Hilfe derselben und meiner täglichen praktischen Übung kam ich auf gewisse Entdeckungen in der Konstruktion der Öfen und der Behandlung des Coaks, die ich für Verbesserungen hielt und die sich in der Folge wirklich als solche bewährt haben. Das alles machte mich nun natürlich ein wenig übermütig, und ich fing an, mich mit Plänen zu tragen, wie ich aus dieser meiner abhängigen untergeordneten Stellung in eine Position gelangen möchte, in der ich meine Entdeckungen verwerten könnte, und die überhaupt des Sohnes meines Vaters würdiger wäre. Sie müssen nämlich wissen, daß mich das Andenken an meinen guten alten Vater, der in Herzeleid über mich zur Grube gefahren war, fortwährend verfolgte und daß ich die Empfindung nicht los werden konnte: er werde sich noch im Grabe freuen, wenn ich es trotz alledem in der Welt zu etwas Ordentlichem brächte.
So vergingen fünf Jahre, und ich fing nachgerade an, darüber ungeduldig zu werden, daß ich noch immer in meiner Dachkammer wohnte. Da wurde die Gasdirektorstelle hier vakant, und die Gesellschaft forderte befähigte Bewerber auf, sich zu melden. Es war am 21. Januar, also gerade heute vor einem Jahr, als ich die Anzeige las, und weil just mein dreißigster Geburtstag war, so hielt ich das für ein gutes Zeichen und sagte zu mir: »Courage, Gottlieb, jetzt oder nie!« Und es tat Not, daß bei der ganzen Sache so ein günstiges Omen war, sonst hätte ich doch am Ende den Mut nicht gehabt. Sie wissen, daß mit dieser Stelle zugleich die eines technischen Ober-Direktors für die sämtlichen vierzig Gasanstalten, welche die Gesellschaft bereits gegründet hat, verbunden ist. – Ich mußte also Vorgesetzter meines eigenen bisherigen Direktors werden, und das alles aus der Position eines Unteraufsehers, die ich nach wie vor einnahm. Ihr Herren müßt zugeben, daß die Sache einen etwas tollen Anstrich hatte. Aber es war im Januar des vorigen Jahres sehr kalt; durch die Ritzen meiner Dachstube pfiff der eisige Wind; mich fror und hungerte wechselweise gar erbärmlich, und wenn der Teufel damals auf mich geboten hätte, ich glaube, er hätte mich billig haben können.