Die gnädige Frau gibt Ihnen die Erlaubnis, sagte der Leutnant.
Meinetwegen, sagte Emmy.
Sie hatte sich wieder in die Sophaecke gesetzt und tat, als ob sie schmollte; aber der Leutnant sah nicht ohne Wehmut, daß die sanften Augen der jungen Frau mit sehr freundlichem Ausdruck auf der mächtigen Gestalt ihres Gatten ruhten, der den dampfenden Inhalt seines Glases noch einmal umrührte, ein paar blaue Ringe aus seiner Zigarre blies, sich behaglich in seinen Stuhl zurücklehnte und also anhub:
Sie müssen nämlich wissen, lieben Freunde, daß ich eigentlich ein Taugenichts bin, oder, wenn das zuviel sein sollte, ein Tunichtgut. Es muß das wohl wahr sein, denn sie haben es mir oft genug gesagt. Als ich kaum laufen konnte, hat meine Wärterin mich gleichsam zum zweiten Male mit diesem Namen getauft; ich war noch keine halbe Stunde in der Klippschule, so hatte mich der Lehrer allen andern Kindern als einen Taugenichts denunziert; meine liebe selige Mutter hat mich oft mit Tränen an ihren Busen gedrückt und mich schluchzend gefragt: ob ich denn gar nicht gut tun wolle? und mein Vater hat mich mehr als ein Mal in seine Stube kommen lassen und mir lange Reden gehalten, von denen ich meistens nur das eine verstand: daß ich ein heilloser Taugenichts sei, dessen späteres Schicksal sein (meines braven alten Vaters) Herz mit bangster Sorge erfülle.
Sie glauben nicht, wie viel heiße Tränen mich diese düsteren Prophezeiungen gekostet haben. Ich hatte nämlich dabei stets das innigste Mitleiden mit mir selber. Ich sah mich selbst in gelb- und schwarzgestreiftem Anzuge, eine Eisenstange zwischen den Beinen, einen Besen auf der Schulter, in der Gesellschaft anderer Herren in demselben Kostüm durch die Straßen meiner Vaterstadt geführt, zum Entsetzen aller Nachbarsleute und besonders aller Nachbarskinder, die sämtlich klein und unschuldig geblieben waren, während ich zu solcher Größe des Leibes und des Lasters heranwuchs; ich sah mich am Galgen hängen, des Nachts im Mondenscheine, umkrächzt von gefräßigen Raben und Dohlen; ich sah mich auf das Rad geflochten, dies Bild aber weniger deutlich, weil ich mir keine rechte Vorstellung von der interessanten Situation machen konnte. Enfin: ich war innig überzeugt, daß ich dies alles und noch viel mehr durch meine abgrundtiefe Schlechtigkeit vielfach verdient hätte, und daß, wenn der Himmel mit seinen Strafgerichten noch immer zögerte, er dies nur meines Kanarienvogel wegen tue, der ohne mich verhungern würde. Du lieber Himmel: der Kanarienvogel – es war ein hübsches goldgelbes Tierchen mit einer grün-braunen glänzenden Tolle und besaß meine ganze Liebe – er verhungerte wirklich, aber nicht ohne mich, sondern durch mich, und ich denke noch jetzt mit Entsetzen an die Nacht, die dem Tage folgte, an welchem mein Hänschen zum letzten Male mit seinen verhungerten Beinchen zum Himmel gezuckt hatte. Ich war darauf gefaßt, daß der Teufel mich holen würde, und hatte mir ein Gebet zurecht gemacht, womit ich seine Barmherzigkeit anrufen wollte, und das, glaube ich: »lieber, lieber Teufel« anfing.
Wenn die Herren mich nun fragen, worin denn eigentlich jene meine absonderliche Schlechtigkeit bestand, so weiß ich wirklich selbst noch in diesem Augenblicke keine rechte Antwort darauf zu geben. Daß ich in der Schule stets da, wo der Bänke letzte sind, mich aufhielt, daß ich – und wenn es mein Leben gegolten hätte – kein lateinisches Exercitium unter einem Dutzend Fehler machen konnte – ich muß es einräumen; aber es gab dümmere und faulere Jungen, die nicht halb so viel Schläge bekamen und denen kein Mensch prophezeite, daß sie in ihren Schuhen sterben würden. Von Herzen war ich auch nicht schlecht, ja, ich darf wohl sagen, ich hatte ein gutes Herz, vielleicht, wie die Welt einmal geht und steht, ein zu gutes Herz; und mindestens die Hälfte der unzähligen dummen Streiche, deren ich mich schuldig machte, hatte mir mein Herz gespielt. Ich kam ohne Jacke nach Hause, weil ich sie einem zerlumpten Betteljungen, der mich neidisch darauf ansah, geschenkt hatte; einmal bin ich von einer Droschke übergefahren, damit ein Kind, das auf der Straße spielte, nicht unter die Räder geriet; ein anderes Mal wäre ich fast ertrunken, um einen räudigen Hund zu retten, den sie in den Kanal geworfen hatten; nie habe ich einen Kameraden in der Klemme stecken lassen, dafür aber oft genug die Schuld anderer – und nicht minder die Schläge, um die es sich in letzter Instanz handelte – auf meinen breiten Rücken genommen. Das klingt nun allerdings fast wie Prahlerei, Ihr Herren; aber, was kann ich dafür, daß meine Schädelweite und meine Schulterbreite in keinem proportionalen Verhältnis standen? »Etwas muß der Mensch sein eigen nennen,« sagt Schiller, und wenn jemand von der Natur verdammt ist, in einem Extemporale stets die meisten Fehler zu machen und von jedem Knirps, den er, sozusagen, in die Tasche stecken kann, übersehen zu werden, fällt er ganz naturgemäß darauf, sich mit seinem Überfluß an Körperkraft über den Mangel seiner geistigen Kapazität zu trösten. Und ich war in jener Beziehung so ausstattet, daß man mich ebenso oft den dicken oder den starken Gottlieb, auch wohl Goliath, Mammut-Gottlieb und dergleichen, als den dummen oder den faulen Gottlieb nannte. Diese meine Stärke wurde neben meiner Gutmütigkeit die zweite Quelle, aus der für mich viel Unheil, aber auch, wie Sie bald sehen werden, das Heil meines Lebens geflossen ist. Es war, als ob mich die Natur selbst als die geeignetste Person zur Ausführung dummer und dümmster Streiche gezeichnet hätte. Es war, wie in dem Volksliede: »Geh' du voran, du hast hohe Stiefel an, daß dich der Has' nicht beißen kann.« Und was habe ich im späteren Leben nicht alles wegen meiner breiten Schultern leiden müssen! Wie oft bin ich aus den Nähten geplatzt in Zeiten, wo ich nur einen Gott und einen Rock hatte; wie oft haben sich in Post- und Eisenbahnwagen meine Nachbarn bitter beklagt, daß ich gut zwei Drittel des für zwei berechneten Platzes okkupiere; noch vorgestern hat eine kleine Dame, die im Parquet hinter mir saß, angefangen von der chinesischen Mauer zu sprechen, weil sie weder rechts noch links an mir vorbeisehen konnte; ja, sie haben mich seiner Zeit meiner breiten Schultern wegen von der Schule gewiesen. Die Geschichte ist charakteristisch für den Unstern, der in früheren Jahren über meinem Haupte stand.
Es war an einem Tage vor den großen Sommerferien, und wir in der Tertia waren guter Dinge, und weil die Zeit, wo wir noch alle beisammen waren, nur noch so sehr kurz, so benutzten wir die Zwischenviertelstunde zum Ausfechten eines alten Haders, wobei es geschah, daß die Partei, zu der ich gehörte, die andere Partei schließlich zur Tür hinauswarf. »Gottlieb, du mußt die Tür zuhalten!« hieß es nun von allen Seiten. Ich stemmte also meine Schultern gegen die Tür und hielt wacker aus, so stark auch die von außen drängten, und zuletzt, wie in Verzweiflung, mit den Fäusten gegen die Tür schlugen, während meine Kameraden vor Freuden über meine Widerstandsfähigkeit wie die Besessenen tobten. Endlich wurde mir – schier zu meinem Erstaunen – der Druck gegen meine Schultern zu stark; ich mußte nachgeben, und herein fielen durch die aufspringende Tür der Schuldiener, der Direktor und mindestens ein halbes Dutzend Lehrer, mit denen ich während dieser ganzen Zeit zu tun gehabt hatte. Das Ende können Sie sich denken: ich sollte meine Dränger recht gut gekannt haben; ich sollte nur dem frechen Übermut, dem Frevelmut meines bösen, verstockten Herzens gefolgt sein. Es war der schändlichste Streich, der seit Menschengedenken auf der Schule vorgekommen war, und ich wurde cum infamia relegiert.
Mein guter alter Vater war außer sich. In seinen Augen war relegiert und auf offenem Markte gestäupt und gebrandmarkt werden so ziemlich dasselbe. Er nannte mich mit Tränen im Auge seinen verlorenen Sohn, und ich dankte Gott, daß meine Mutter, wenn sie mir doch einmal so früh entrissen werden sollte, nun schon lange in der schwarzen Erde lag, und sich über die Schande ihres Sohnes nicht mehr die lieben Augen auszuweinen brauchte.
Von diesem Augenblick ging es schneller und immer schneller mit mir bergab, und weniger und immer weniger konnte ich begreifen, weshalb gerade ich Gottlieb heißen mußte, der ich weder Gott noch den Menschen lieb zu sein und etwas recht machen zu können schien.
Mein Vater hatte mich zu einem Gutsbesitzer in die Lehre getan, der ihm als ein exemplarischer Ökonom gerühmt worden war. Ich hätte in keine schlimmeren Hände fallen können. Herr Bartel war ein gänzlich unwissender, brutaler Mensch, ein Vieh- und Leuteschinder, ein kleinlicher Tyrann, der jeden, der es sich gefallen ließ, mit der Reitpeitsche traktierte. Ich sah das eine Zeitlang, meines Vaters wegen, geduldig mit an, bis eines schönen Sommermorgens, zur Zeit der Roggenernte, auf offenem Felde, angesichts des Himmels und sämtlicher Gutsleute beiderlei Geschlechts, zwischen mir und Herrn Bartel eine Szene erfolgte, die der genannte Herr schwerlich provoziert haben würde, wenn er den Ausgang vorhergesehen hätte. Ich höre immer noch das dreimalige Hurrah, das aus den Kehlen der armen weißen Sklaven erschallte, als der Elende am Boden lag, und ich nach einigen letzten, kräftigsten Hieben die Reitpeitsche weit hinein in das blinkende Wasser des benachbarten Sees schleuderte. Ja, Ihr Herren, das Hurrah tut mir wohl, so oft ich daran denke, und ich habe mich schon in trüben Stunden damit getröstet, daß es im Hauptbuche meines Lebens auf der Kredit-Seite verzeichnet steht, und so eine oder die andere meiner Dummheiten straflos bleiben wird.