Arme Silk! Was hatte sie nun zu leiden. Aber sie ertrug alles, ertrug es seinetwegen. Sie wußte, daß auf allen Straßen Aufpasserinnen standen, daß, wenn Greggert bei ihr war, Lauscher überall wie Schatten an den Fenstern und Türen standen. Arme Silk!
Auch Greggert fühlte es. Aber wie in einem verzauberten Turm kam er sich vor, ohne Ausgang mehr in die Welt. Er überschüttete sie mit Geschenken.
Wie zum Hohn hatte er eines Tages seine Frau mit zu Silk genommen. Er wollte mit ihr eine Fahrt in See machen. Wie immer, war die eigne Frau die einzige, die nichts ahnte. Als sie die verwunderten Augen Silks auf sich gerichtet sah, kam ihr eine Ahnung; aber sie schob sie zurück als eine Unmöglichkeit.
Als am Abend dieses Tages der Staller Silk besuchte, trat wie eine heiße Sonne aus weißgeballten Sommerwolken zum erstenmal ihre Leidenschaft hervor. Hatte sie nie gewagt, seine Liebkosungen zu erwidern, hatte sie, wenn er sie an sich zog, still den Kopf gesenkt – heute legte sie wie Schlangen ihre Arme um seinen breiten Nacken und küßte ihm die Lippen.
Ehebruch war und ist bis auf den heutigen Tag bei den Nordfriesen etwas Unerhörtes. Und nun sah die ganze Insel, wußten es die Halligen und das Festland den Eilanden gegenüber, der Küstenklatsch, daß der Staller in offnem Ehebruch lebte.
Greggert selbst litt am schwersten darunter – um seiner schönen Geliebten willen. Er liebte sie nur um so mehr. Das stille, geheimnisvolle Mädchen hatte sein ganzes Herz. Ihr öffnete er seine Seele, bei ihr vergaß er die Sorgen des Tages; zu ihr flüchtete er in aller Qual des Lebens. Wenn sie neben ihm saß in ihrer ruhigen Weise, strickend, auf einen Scherz von ihm kurz und eigentümlich lachend; wenn sie, ohne zu sprechen, an seiner Brust lag, ganz ihm mit aller Seele ergeben – das war sein Glück, ein Glück, das er nie gekannt.
Endlich war das Gerücht auch Frau von Meinstorff zu Ohren gekommen. Sie hatte nicht Stolz genug, sich von ihrem Manne zu trennen: in einem furchtbaren Jähzornausbruch wollte sie ihre Rechte behaupten, und erreichte nur das Gegenteil.
Die Stellung des Stallers wurde unhaltbarer mit jedem Tage. Er selbst sah es ein.
Am nächsten Sonntag, als er wie gewöhnlich in seiner Emporloge saß, fühlte sich ein junger eifriger Geistlicher gemüßigt, das sechste Gebot in seiner Predigt auseinander zu setzen. Er ging zu Beispielen über, und nachdem er von David und Bathseba gesprochen, tadelte er scharf, ohne Namen zu nennen, aber doch für jedermann verständlich, das offenkundige Verhältnis.
Er hatte schon nach einer Stunde, nachdem die Rede geendigt, vom Staller den Abschied. Und das war Greggerts Todesstoß.