Peter, der bislang steif auf dem Stuhl gesessen und dem alten Herrn unverwandt auf den Mund gesehen hatte, wie in der Kinderlehre, atmete freier auf und sah sich in der Studierstube um. Da bekam er einen großen Schreck. Was für eine Menge Bücher! Und wie dicke dabei! Am längsten und mit der größten Verwunderung haftete sein Blick an der Reihe der mächtigen Kirchenbücher. Was mußte so ein geistlicher Herr für ein gelehrter Mann sein! Natürlich nahm er an, daß dieser in seiner großen Bibliothek ebensogut Bescheid wußte, wie er in seiner kleinen, die aus vier schmalleibigen Schulbüchern bestand. Er war manchmal stolz gewesen, daß er mehr wußte als die andern in der Schule und Kinderlehre. Die letzten Wochen, seit er am Palmsonntag vor der ganzen Gemeinde mit seinem Wissen geglänzt hatte, war ihm dieses Hochgefühl fast immer gegenwärtig geblieben. Aber diese in Schweinsleder und Pappe gebändigte Gelehrsamkeit, die ihn hier zugleich mit einem Duft feinen Tabaks umgab, verwirrte ihn und machte ihn ganz klein.

Als der Pastor wieder in die Stube trat, flog Peter in die Höhe, wie er's von der Konfirmandenstunde her gewöhnt war, nur mit noch größerem Respekt, wegen der neu entdeckten Gelehrsamkeit des stattlichen Herrn. Er wurde nicht wieder zum Sitzen genötigt, bekam einige gute Lehren und Wünsche mit auf den Weg und konnte gehen. Leise schlich er die Treppe hinab und war froh, als er unbemerkt die Haustür erreicht hatte, ohne noch einmal von dem Mädchen, vor dem er sich vorhin so blamiert hatte, gesehen zu sein.

Den Kopf trug er jetzt nicht so hoch als vorhin. Bescheiden und demütig ging er seines Weges.


Am Abend des Sonntags nach Ostern sollte Peter in Wehlingen antreten. Das Dorf war drei Stunden von seiner Heimat entfernt.

Sein Vater begleitete ihn und trug auch die in einen buntgewürfelten Kissenüberzug gestopfte »Aussteuer«. Das geistige Rüstzeug, seine Bibliothek, hatte Peter selbst unter dem Arm.

Vater und Sohn sprachen kaum miteinander. Von Haus aus waren sie beide schweigsam, und heute, angesichts der Abschiedsstunde, schloß ihnen auch eine gewisse Verlegenheit den Mund. Der Weg führte durch Steinbeck, und an Harm Eggers' liebstem Wirtshaus vorbei. Hier bog er zur Seite, und als Peter zögerte, ihm zu folgen, sagte er freundlich und ein wenig verlegen: »Kumm, Jung', wöt uns erst 'n bäten verhalen.« Da ging Peter mit ihm hinein.

Harm bestellte zwei »lüttje Klare«. Als der Wirt das Gläschen vor Peter hinstellte, sagte der Vater: »He is ja nu ok 'n mündigen Christenminschen,« worauf jener nickte und lachte. Peter hob das Glas vorsichtig, nippte daran, schüttelte sich und setzte es wieder hin. »Smeckt he nich?« fragte der Vater leise. Peter zog ein krauses Gesicht und schüttelte den Kopf. »Töw' man,«[1] flüsterte Harm, mit den Augen zwinkernd. Als der Wirt den Rücken gewandt hatte und sich an dem Schenktisch zu schaffen machte, nahm er schnell das Glas, trank es aus und stellte es leer wieder vor Peter hin, froh darüber, daß er seinem Fleisch und Blut eine schwere Blamage erspart hatte. Darauf kaufte er ihm eine dick mit Zucker bestreute Maulschelle. Als Peter anfing, die eine Hälfte des trocknen, noch von Ostern übriggebliebenen Gebäcks hinunterzuwürgen, sagte der Vater: »Christoffer, up een Been kann'n nich stahn« und ließ sich das Glas aufs neue füllen. Da aber stand der Junge entschlossen auf, packte die andere Hälfte der Maulschelle in die Tasche und drängte den Vater, schnell auszutrinken und mit ihm aufzubrechen.

Unter der Wirkung des Alkohols wurde Harm gesprächiger. Und der nahe Abschied von seinem Jungen trug dazu bei, daß er sentimental wurde, während sonst diese Stimmung erst etwa nach dem siebenten Glas sich einzustellen pflegte.

Er schluckte einige Male trocken nieder, seufzte, und sagte endlich: