Wenn unter eine Spatzenschar ein Spatz kommt, der etwas anders aussieht als die anderen Spatzen, dann hacken diese so lange auf ihm herum, bis er tot ist. Ein Spatz soll eben ein Spatz sein, von der alten guten Spatzenart. Jede Abweichung davon ist ein todwürdiges Verbrechen.

Die Rolle eines solchen unglücklichen Vogels spielten unter der Soltener Schuljugend die Schusterskinder. Warum hatten die dunkle Augen? Warum kamen sie nicht mit Holz- sondern mit Lederschuhen zur Schule? Warum balgten sie sich nicht wie die anderen? Warum kamen sie abends nicht zum Spiel? Warum machten sie sich durch ihre Streberei bei dem Schulmeister so beliebt? Kurz, warum waren sie anders als die anderen? Das konnte die Schuljugend nicht hingehen lassen, und wo sie konnte, wischte sie den Fremden eins aus. Und sie hatte dabei das allerbeste Gewissen von der Welt. Sie war überzeugt, damit die Sache der Heimat gegen das Fremde, ja die der Kirche gegen die Abtrünnigen zu vertreten. Ja, sie war eben auch ein getreues Abbild der großen Welt, die Schule in Solten.

Peter hatte einige Male den Stock gebraucht, als er von diesen Hänseleien und Quälereien etwas gemerkt hatte, aber damit die Sache nur schlimmer gemacht. Nur daß die Bösewichter jetzt vor den Augen des unbegreiflich parteiischen Lehrers sich hüteten, wenn sie ihrer guten und gerechten Sache weiter dienten.

Peter war jetzt fünfviertel Jahr in Solten. Er hatte sich gut eingelebt, und die Leute hatten ihn gern. Er fühlte sich wohl im Dorfe und brachte auch die Ferien dort zu. Nach Hause zu gehen, konnte er nicht mehr über sich gewinnen, seitdem der Vater ihm öffentlich im Wirtshause von Brunsdorf Undankbarkeit für die empfangene Wohltaten vorgeworfen hatte. Von der bei Clas Mattens geliehenen Summe hatte er bereits einen Teil zurückgezahlt.

Am Abend vor dem Wiederbeginn der Schule nach den Sommerferien sah Peter zu seiner Verwunderung den Schuster auf sein Haus zukommen. Er hatte sonst keine Beziehung zu ihm, als daß er sich von ihm seine Schuhe flicken und besohlen ließ. Was mochte der Mann wollen? Wollte er einen Bekehrungsversuch machen? Peter nahm sich die größte Kühle und Zurückhaltung vor.

Er schlug sein dickstes Buch auf und begann irgendwo zu lesen.

Es klopfte. Peter schwieg.

Es klopfte noch einmal. »Herein,« sagte Peter wie aus dem tiefsten Nachdenken heraus.

»Guten Tag, Herr Lehrer.«

»Guten Tag,« sagte Peter tonlos und las seinen Satz zu Ende. Dann wandte er sich langsam herum und fragte kühl: »Was wünschen Sie?«