»Herr Lehrer,« sagte der Schuster, wobei er in großer innerer Erregung die Mütze zwischen den Händen drehte, »meine Kinder müssen von den anderen Kindern im Dorfe viel leiden. Aber ich habe bis jetzt immer dazu still geschwiegen. Denn es steht geschrieben: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. Aber, Herr Lehrer, heute darf ich nicht schweigen. Denn wenn Menschen schweigen wollten, müßten die Steine schreien.«

»Was ist denn passiert?« fragte Peter. »Machen Sie doch nicht so viele Worte!«

Der Schuster erzählte nun kurz und sachlich, seine Tochter Lina hätte mit dem kleinen Paul diesen heißen Nachmittag unten in den Wiesen das letzte Heu trocken gemacht, das wegen der Regenzeit nicht eher hätte eingebracht werden können. Und da hätten die beiden wegen der großen Hitze sich in der Aue gebadet. Während sie im Wasser waren, wären ein paar Jungens gekommen, die von ihnen unbemerkt im Gebüsch geangelt hätten, und hätten Linas Kleider versteckt und sich dann von ihrem Gebüsch aus an der Verlegenheit des Mädchens geweidet und ihr häßliche Worte zugerufen. Paul hätte lange suchen müssen, bis er die Kleider wiedergefunden hätte. Und seine Tochter läge nun im Bette, müsse in einem fort krampfartig weinen und wolle sich gar nicht beruhigen lassen.

Peter war aufgefahren und fragte zornblitzenden Auges: »Wer hat das getan?«

»Erkannt haben meine Kinder,« sagte der Schuster, »nur Westermanns Johann. Aber es ist noch ein anderer dabeigewesen.«

»Gut,« sagte Peter, »ich werde die Buben schon herauskriegen und sie dann in einer Weise bestrafen, daß Sie zufrieden sein sollen.«

Der Schuster sagte sanft: »Ach, Herr Lehrer, es ist ja nicht um meinetwillen. Es ist doch nur der armen Jungen wegen, daß die nicht so auf dem Weg des Verderbens weitertaumeln.«

»Meinetwegen können Sie's auch so ansehen,« sagte Peter, unangenehm berührt. »Übrigens, ... es tut mir sehr leid, daß gerade Ihre Lina von einer solchen Bosheit und Schändlichkeit betroffen ist. Ich kann mir denken, wie sie das mitgenommen hat. Sie ist so ein feines, zartfühlendes Kind. Überhaupt eigentlich meine liebste Schülerin.«

»Das freut mich, Herr Lehrer,« sagte der andere, »Lina erzählt uns auch immer viel Schönes vom Herrn Lehrer, aus der biblischen Geschichtsstunde.«

»So? Das freut mich! In diesen Stunden habe ich auch am meisten Freude an ihr. Sie hat so eine feine Art, die biblischen Geschichten zu erzählen, die einem wohltut.«