Da packte Peter eine namenlose Wut. Er griff dem Jungen an die Kehle, warf ihn auf den Boden und schlug mit dem Eichenstock auf ihn los, gleichgültig, wohin er traf. Dabei kreischte er: »Du sagst es mir, und wenn ich dich totschlagen soll.« Der Junge stieß und schlug und biß um sich, aber gegenüber dem immer rasender werdenden Zorn des Erwachsenen war er machtlos. Endlich gab er den Namen seines Kameraden preis.
Da ließ Peter von ihm ab, stürzte in die Schule, riß Swieberts Georg aus der Bank. Wie der sich sträubte, packte er ihn ins lange Haar, und als er ihn endlich vor den Bänken hatte, schlug er blindlings auf ihn ein.
Endlich mußte er erschöpft innehalten. Da sah er, daß eben die letzten Kinder sich entsetzt zur Tür hinausdrängten. Einige Knaben waren durch das Fenster gegangen und hatten dabei eine Scheibe zertrümmert. Peter ließ sein Opfer los und wankte keuchend an die Tür. »Hierbleiben!« schrie er mit heiserer Stimme, aber kein Kind wandte sich um. Von einer wilden Panik erfaßt, flüchtete die ganze Schar davon.
Peter ging in die Schulstube zurück. Er war allein. Swieberts Georg hatte sich durch das Fenster davongemacht.
Er sank auf einer Schulbank zusammen und preßte die Hände gegen die Schläfen, in denen das Blut hämmerte. So saß er und stierte eine Weile gedankenlos vor sich hin. Dann fühlte er plötzlich ein Würgen in der Brust und im Halse und wurde von einem schrecklichen Hustenanfall gepackt. Es schüttelte ihn, daß ihm das heiße Blut im Gesicht glühte und die Augen aus ihren Höhlen traten.
Als der furchtbare Anfall ein wenig nachließ, wankte er in seine Stube und warf sich auf sein Bett.
Allmählich kehrte ihm die Besinnung wieder. Da griff er sich in die Haare, und in ihm rief es: Was hast du gemacht? Was hast du gemacht? Er fühlte eine tiefe Scham und wühlte den Kopf in die Kissen. So lag er lange.
Ein neuer Hustenanfall riß ihn in die Höhe, noch schrecklicher als vorhin. Er hatte das Gefühl, als könnte jeden Augenblick in seiner Brust etwas zerreißen.
Als er sich endlich ermattet in das Bett zurückfallen ließ, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er schwer krank war. Seit jenem kalten Trunk und seit jenem nächtlichen Rennen zum Arzt hatte er sich ganz gesund nicht mehr gefühlt. Seit längerer Zeit hatte er einen quälenden Husten, dessen Anfälle ihn sehr ermatteten. Er dachte an das bedenkliche Gesicht des Amtsphysikus nach der Untersuchung seiner Lungen. Kein Zweifel, es war dieselbe Krankheit, an der seine Mutter so jung gestorben war, die nun auch in ihm ihr langsames Zerstörungswerk verrichtete. Dieser Gedanke war ihm in dem letzten Jahre hier und da wohl schon gekommen, aber er hatte ihn, ausgenommen die Stunden, in denen er besonders innig an seine Tote dachte, immer wieder schnell davongescheucht. Das tat er heute nicht, sondern mit einer Art grausamer Wollust ging er ihm nach. Wenn der Husten ihn packte und schüttelte, wartete er auf einen Blutsturz und war beinahe enttäuscht, daß er ausblieb.
Es wurde Mittag. Er spürte keinen Hunger und hatte schon beschlossen, auf die Mahlzeit zu verzichten. Aber da erwachte sein Trotz. Das konnten sie ihm im Dorf als Schwäche, als Bekenntnis eines Schuldgefühls auslegen. Er biß die Zähne aufeinander, das wollte er nicht. So raffte er sich auf, wusch sich, brachte das Haar in Ordnung, nahm seinen Stock zur Hand und ging erhobenen Hauptes, aufrecht, durch das Dorf nach dem Hofe, der ihn heute zu speisen hatte.