Zum Mittagessen ging er nicht in das Dorf. Der Reihetisch hätte ihn heute zu Westermann geführt, und dem wollte er lieber doch nicht unter die Augen treten. Er blieb auf seinem Zimmer und aß ein wenig von dem Brot, das die Häuslingsfrau, die ihm die Morgenmilch besorgte und sein Zimmer aufräumte, für ihn mitzubacken pflegte.
Und dann kamen wieder die unendlich langen Nachmittagsstunden. Eine Arbeit, die ihm über sie hinweggeholfen hätte, vorzunehmen, war er nicht imstande. Er lag auf seinem Bett und mußte grübeln und grübeln. Grübeln über das Geschehene, wie gestern. Und grübeln, was nun werden sollte. Und dabei wurde er auch von den widerstreitendsten Gedanken hin und her geworfen. Bald war er entschlossen, dem Vorgesetzten zu trotzen, was auch daraus werden mochte. Dann wieder erwog er dessen Forderungen, und überlegte, wie er sie erfüllen könnte. Zu einem festen und dauernden Entschluß kam er nicht.
Als er lange so einsam sich gequält hatte, kam ihm der Gedanke: Wenn du doch nur einen Menschen hättest, mit dem du dich beraten könntest. Aber mit wem?
Mit Clas Mattens? Ja, es war gut mit ihm zu reden und zu beraten, solange man im Dorfe lieb' Kind war. Es war interessant und lehrreich, ihm zuzuhören, wenn er in seiner sachlichen und humorvollen Weise von den Dingen des bäuerlichen Lebens sprach. Aber für das, worum es sich jetzt handelte, fehlte ihm jedes Verständnis. Da war er einfach der Bauer, der mit den Bauern durch dick und dünn ging. Und diese alle hielten fest zusammen. Peter fühlte, daß er die Dorfgemeinde geschlossen gegen sich hatte. Und er empfand auch, dieser Gemeingeist war so stark, daß er selbst von den wohlwollendsten Männern unter diesen Umständen keine gerecht abwägende Beurteilung seiner Sache erwarten dürfte.
Da dachte er an den Schuster. Wie seine Kinder in der Schule, so nahm er selbst in der Dorfgemeinde eine Ausnahmestellung ein. Ob er sich einmal mit ihm beraten sollte? Der Mann hatte ja auch die Menschen gegen sich gehabt und Kämpfe durchgemacht. Und um seinet- und seiner Familie willen war er, Peter, ja auch in diese böse Lage hineingekommen. Ohne Lina und Paul hätte er alle seine Lebtage in Solten so friedlich Schule halten können, wie der alte Wencke in Wehlingen. Sollte er versuchen, sich bei ihm Rat zu suchen? Nein, der Mann war doch zu wunderlich. Der redete dann wieder seine Sprache Kanaans und wollte alle Schwierigkeiten mit schönen Bibelsprüchen lösen.
Aber je länger Peter grübelte und sich quälte, desto größer wurde sein Verlangen, einen Menschen, ein Menschenantlitz zu sehen und ein Menschenwort zu hören. Und endlich schrieb er ein paar Zeilen an den Schuster, in denen er ihn dringend bat, ihn noch heute abend zu besuchen. Diese übergab er dem Kinde seiner Aufwärterin, nebst einem Paar Stiefel, die besohlt werden mußten.
Der Weg bis zur Wohnung des Mannes nahm zehn Minuten in Anspruch. So glaubte er, ihn in einer halben Stunde erwarten zu können ...
Eine ganze Stunde war schon vergangen, und noch immer wartete er vergebens. Da nahm er, um die Zeit hinzubringen, seine Geige, stimmte sie sehr sorgfältig und begann zu spielen. Aber die gute Freundin war diesen Abend kalt und teilnahmlos. Sie machte wohl ihre Töne, aber es war keine Seele darin.
Fast hart warf er das Instrument auf den Tisch. Nach einem Menschen sehnte er sich, nach einem Menschenauge und Menschenwort.
Endlich — es war inzwischen völlig dunkel geworden — wurden draußen Fußtritte laut, und nach umständlichem Fußreinigen vor der Haustür trat der Erwartete ein. »'Abend, Herr Lehrer haben mich herbestellt,« sagte er förmlich und steif. »Was wünschen der Herr Lehrer von mir?«