»Haben Sie denn im Hause das Kind das Versäumte nachholen lassen?«

»Nein,« sagte Peter kurz.

»Warum nicht?« fragte der Superintendent scharf.

Peter schwieg.

»Na, dann will ich's Ihnen sagen. Außer einem anderen Grunde, der heimlich mitgespielt haben mag: weil Sie den Schuster mehr fürchten als mich, Ihren Vorgesetzten.«

»Nein, Herr Superintendent,« sagte Peter, indem er sich aufrichtete, »sondern, weil ein Mädchen wie Lina Döhler es nicht nötig hat, die Pflichten gegen sich selbst aus dem Katechismusgeschwätz auswendig zu lernen.«

Der Superintendent schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: »Unerhört! Sie aufgeblasener Schulmeister Sie, der seine ganze Weisheit in einem Winter auf dem Seminar aufgesammelt hat, Sie wagen, unseren altehrwürdigen, bewährten Katechismus zu beschimpfen? Unerhört! Ja, wenn Sie ihn selbst nur besser kennten und beherzigten! Gerade in den Sätzen, um die es sich bei Ihrer geliebten Schülerin damals handelte, war, soweit ich mich erinnere, die Rede von ›Mäßigung aufwallender, heftiger Gemütsbewegungen‹. Hätten Sie sich diese Worte hinter die Ohren geschrieben, statt in ihrem schulmeisterlichen Dünkel darüber zu Gericht zu sitzen, dann hätten Sie sich nicht soweit vergessen können, in blinder Wut mit einem Eichenknüppel um sich zu schlagen und zu schreien: Ich schlage dich tot. Sie können Gott danken, daß es nicht wirklich zu einem Totschlag gekommen ist. Ihr Verdienst war das jedenfalls nicht! Schämen Sie sich! Sie haben alle Ursache, die großen Worte, die Sie hier geführt haben, zu lassen und sich einmal gründlich zu demütigen. Na, nun husten Sie man nicht auf einmal so!«

Peter hatte während der letzten Sätze seines Vorgesetzten einen Hustenanfall bekommen, der fast eine halbe Minute anhielt. Als er wieder Ruhe hatte, sagte er gequält: »Herr Superintendent, verzeihen Sie, ich bin schwer krank. Ich glaube, meine Krankheit ist auch mit schuld daran, daß ich mich so vergessen habe.«

»Ach was! Sie krank? Sie haben sich in Solten tüchtig herausgemacht und sehen geradezu blühend aus. Solche faulen Entschuldigungen kann ich nicht gelten lassen. Wegen Ihrer Jugend und Unerfahrenheit will ich jedoch von weiteren Schritten absehen, erteile Ihnen aber wegen gröblicher Ueberschreitung des Züchtigungsrechtes und wegen Ungehorsams gegen einen Befehl Ihres Vorgesetzten hiermit eine scharfe Rüge. Außerdem lege ich Ihnen auf, mir binnen drei Tagen zu berichten: erstens, daß Sie die Väter der von Ihnen mißhandelten Kinder um Verzeihung gebeten haben, und zweitens, daß die Tochter des Schusters die Katechismusstücke, um die es sich bei der Revision handelte, inzwischen gelernt hat. Innerhalb sechs Wochen haben Sie weiter zu berichten, daß sie alles nachgeholt hat, was sie dank Ihrem freundlichen Entgegenkommen bisher hat versäumen dürfen. Endlich möchte ich Sie noch ersuchen, im dienstlichen Verkehr mit mir sich eines angemesseneren Tones zu befleißigen. Sie hätten heute öfter als einmal verdient, an die Luft gesetzt zu werden. Sie können jetzt gehen.«

Der Rückweg nach Solten wurde Peter sauer. Er mußte sich mehrere Male an einen Baum lehnen.