»Nun ja, ich gebe Ihnen gerne zu, es war kein schönes Stück, und eine mäßige Züchtigung war da wohl am Platze. Immerhin muß man bedenken, es handelt sich um Kinder. Bei ruhigem Blute besehen, war's schließlich doch wohl nur ein unschuldiger Kinderstreich.«
»Herr Superintendent, ich muß Ihnen in aller Ehrerbietung widersprechen. Ich kenne meine Missetäter ganz genau. Von ›kindlicher Unschuld‹ kann bei denen wohl nicht gut die Rede sein. Ich bin auf dem Lande, nur vier Stunden von hier, groß geworden. Und wenn ich auch von jeher meine eigenen Wege gegangen bin, so weiß ich doch sehr gut, was bei unseren vierzehnjährigen Jungens von dem, was Sie ›kindliche Unschuld‹ nennen, zu halten ist. Aber ich würde nicht viel daraus gemacht haben, wenn nicht durch diesen Streich gerade ein Kind betroffen wäre, das in meiner Schule und im Dorfe schon seit langem einen schweren Stand hat, weil es begabter, zarter, empfindlicher ist, als die ganze andere Gesellschaft. Andere Mädchen meiner Schule hätten in solchem Falle vielleicht halbverschämt gekichert. Aber Lina Döhler ist darüber krank geworden. Darum, was anderen gegenüber vielleicht nur ein dummer Jungensstreich gewesen wäre, das war bei diesem Kinde einfach eine Gemeinheit.«
»Es will mir scheinen, mein Lieber, daß die Bauern auch in dem anderen Beschwerdepunkt nicht ganz unrecht haben, daß Sie parteiisch wären und nicht alle Kinder mit dem gleichen Maß mäßen. Was bewegt Sie, die Tochter des Schusters vorzuziehen?«
»Vorziehen? Ich bin mir nicht bewußt, sie vorgezogen zu haben. Ich versuche nur, jedes Kind nach seiner Eigenart zu behandeln. Das muß ich freilich sagen, ich bin froh und dankbar, daß ich diese Schülerin in meiner Schule habe. Ein solches Kind ist für den Lehrer nicht nur eine Freude, sondern geradezu ein Segen. Es zwingt ihn, sich zusammenzureißen und sein Bestes zu geben. Es bewahrt ihn davor, ein seichter Schwätzer zu werden ...«
»Also Ihr Pflichtgefühl ist nicht stark genug, um Sie davor zu bewahren? Dazu brauchen Sie eine kleine niedliche Larve mit dunkelbraunen Augen?«
»... Herr Superintendent!«
»Wir schweifen zu weit ab. Ich habe Ihnen einige Fragen vorzulegen, die Sie mir kurz beantworten wollen. Warum schenken Sie diesem Kinde das Lernen des Katechismus?«
Peter sah seinen Vorgesetzten betroffen an und schwieg.
»Als ich im letzten Herbst Ihre Schule revidierte, ertappte ich dieses Mädchen darauf, daß sie zwei wichtige Fragen des Katechismus nicht konnte. Ich gab Ihnen auf, das Kind nachsitzen zu lassen. Man sagt mir, Sie wären dieser dienstlichen Weisung nicht nachgekommen. Wie steht's damit?«
»Die Leute haben Ihnen recht berichtet.«