»Es wird mir schwer, Sie in diesem Zustande allein zu lassen ...«

»Aber ich will und kann von der ganzen Bande, die sich Krone der Schöpfung nennt, keinen mehr vor Augen sehen. Hören Sie, keinen

»... Dann muß ich ja gehen ... Aber ich werde diese Nacht daheim für Sie beten.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Was Sie in Ihrem Hause machen, geht mich nichts an.«

»Gott ... befohlen,« sagte der Schuster bewegt und streckte Peter die Hand hin. Dieser zögerte erst, dann berührte er sie flüchtig mit seiner Linken.

Der Mann sah ihm in die irren, glühenden Augen und bat sanft: »Lieber Herr Lehrer, bitte, gehen Sie gleich ins Bett. Nicht wahr, das versprechen Sie mir?«

»Wenn Sie nur erst hinaus sind!« sagte Peter, erregt mit dem Fuße aufstampfend.

Da ging der Mann. Draußen hallten seine Schritte, und der Hund schlug an. Dann verhallten die Schritte und der Hund kroch wieder in seine Hütte, die hohl schnurrende Kette nachschleifend.

Nun atmete Peter auf und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen. Da horchte er auf. Was war das wieder für ein Geräusch? ... Jetzt war's still. Plötzlich fiel ihm ein, das ganze Dorf ringsum steckte voll von Menschen, Menschen. Hinweg! Da draußen, in der Heide, da sind keine Menschen. Er nahm hastig Mütze und Stock und taumelte hinaus.

Aah, wie das wohltut, so ein kühler Nachtwind, nach der dumpfen Stubenluft ... Wenn mir nur keiner begegnet. Ach nein, die schlafen alle. Die Art hat es gut. Des Tags über arbeiten sie sich müde, und des Abends kriechen sie in ihre Butzen, zu zweien oder zu mehreren. Jeder hat welche, die zu ihm gehören. Und das ganze Dorf gehört zusammen. Da versteht einer den anderen, und jeder findet am anderen Rückhalt. »Wi sünd alltohopen gode Lüe,« sagt Clas Mattens. Ha! ... Da brennt ein Licht! ... Ach ja, da wohnt der Schuster. Der gute Narr ... er will diese Nacht für mich beten. Wie damals: Herr, bringe auch unseren lieben Schulmeister aus der Finsternis zum Licht, ha! ... Wie das gleich anstrengt, wenn der Weg ein wenig bergan steigt. Das Herz rast, wohl hundertzwanzig Schläge in der Minute ... Ach, der schreckliche Husten ... So, nun geht es wieder ... Hier hören die Äcker auf, die Heide fängt an. Wie das duftet ... Ach ja, es ist August, die Heide blüht ... Und da oben glühen die Sterne ... Mutter, was waren das für glückliche Zeiten, als du da oben noch an den goldenen Himmelsfenstern saßest! Mutter, wo bist du? Kannst du deinem verlorenen Kinde nicht nahe sein in diesen schrecklichen Stunden? Hier geht es, in dunkler Nacht, durch die öde Heide, den Tod in der Brust, von den Menschen gehaßt, und muß sich selbst verachten. Und du hast so kalte, tote Augen ... Zum goldenen Tore? ... Ha! ... Einst leuchtete es vor uns, und das Herz war all seines Suchens und Sehnens so froh, nun ist's verschlungen in Nacht und Grauen ... Das war alles, alles Lüge ... Das Grab ist tief und stille, und schauerlich sein Rand, es deckt mit dunkler Hülle ein unbekanntes Land ... Vielleicht auch einen Ort der Qual, voll Heulen und Zähneklappen ...? Ach einen Ort mit mehr Qual als diese »schöne Erde« kann's ja gar nicht geben. Hier stoßen sie einen mit Füßen, werfen einen mit Steinen ... machen fromme Redensarten, und es steckt nichts dahinter ... Aber nein, mach' dir selbst nichts vor! Du selbst bist Störer deiner Ruh, du zogst dir selbst dein Leiden zu ... Ja, so ist's ... Und das ist das Schlimmste ... Das Allerschlimmste ... Das bringt einen so herunter ... Das jagt einen in die Nacht hinaus ...