So weit schon? Da ist ja die Mergelgrube ... Wie die Füße schwer sind ... ein wenig liegen und ruhen. Ah, wie das wohltut ... Da unten, zwischen den hohen, steilen Wänden, blinkt das tiefe Wasser ... War es nicht hier? ... Ja, hier haben sie vor Jahren ein armes Menschenkind herausgezogen, dem des Lebens Bürde zu schwer geworden ... hinterm Zaun liegt's begraben in Brundorf ... Wenn sie morgen wieder einen herausziehen ... niemand würde eine Träne weinen ... niemand ... »Der elende Selbstmörder« würden sie sagen und ein Grab hinterm Zaun graben, wo der Weg drüber hingeht ... Aber was schadet das ... es sind ja Menschen ... wen sie im Leben von sich gestoßen haben, der braucht ja auch nicht im Tode bei ihnen zu liegen. Warum langsam und qualvoll hinsiechen ... wem geschieht damit ein Gefallen ... Vier Schritte weiter gekrochen, ein Sturz, ein kurzer Kampf, und alles ist vorbei ............. Ja es ist das Beste ... »Ich eile von der schönen Erde hinab in dieses dunkle Haus.« Noch einen Blick zurück ... Was ist das für ein heller Stern dort über der Höhe? Ach so, es ist das Licht im Hause des Frommen ... »Ich werde diese Nacht für Sie beten ...« Da unten ist Ruhe ... So, jetzt nur noch ein wenig Übergewicht und ... Was hat der Mann für einen anderen zu beten ... Zu wem betet er denn? ... Gott! ... bist du? So gib mir Antwort! ... Der Nachtvogel schreit — denn er ist. Das Gras säuselt — denn es ist, Aber du? — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Wie kommt es denn aber, daß, solange Menschen atmen, Menschen an ihn glauben? Wie kommt es, daß der da auf dem Berge an ihn glaubt? ... Er sagt, Jesus Christus ist der Weg zu Gott. Aber da sind wir gleich wieder mitten in der Ungewißheit. Die einen sagen, der ist ein irrender, schwacher Mensch gewesen und am Kreuze an seinem Gott verzweifelt. Und die anderen sagen, er ist der Sohn Gottes, lebet und regieret in Ewigkeit ... Ja, als wir in den Büchern deiner Jünger von dir lasen, da hob deine Gestalt sich groß und herrlich vor uns. Da wurde uns, als könntest du uns das wahre Leben schenken, wonach wir uns sehnten, und uns helfen, die Welt zu überwinden, mit ihrer Lust und ihrem Leid ... Und Karfreitags haben wir unter deinem Kreuze gestanden ... und haben gesungen: All Sünd hast du getragen, sonst müßten wir verzagen, erbarm dich unser, o Jesu. Ja, das war einmal — — — — Das war einmal — — — — — — — — — Oder? — — — — — Oder? — — — — — — — —



Es wurde ihm, als ob die tiefsten Tiefen seines Wesens, Seelentiefen, die er bis auf diese Stunde in sich nicht einmal geahnt hatte, wunderbar durchwärmt würden. Und diese Wärme entband Kräfte, ungekannte, ungeahnte Seelenkräfte des Lebens ... eines Lebens, das fühlte er bei seinen ersten heimlichen Regungen, nach dem er sich lange gesehnt hatte.

Er sprang plötzlich auf seine Füße. Nein, nein, nein, nein! Da unten in dem dunklen Wasser war sein Ziel nicht. Er mußte weiter wandern. Dem goldenen Tore zu ... Durch die grauenvolle Nacht fing es nun wieder an vor seiner Seele zu schimmern.

Und die schon am Ziel waren, seine Toten, die ihm Wegweiser und Wandergenossen geworden, jetzt sahen sie ihn wieder mit lebenden, liebenden Augen an. Es war, als hätten auch sie aus einer geheimnisvollen Quelle des Lebens und der Liebe Leben und Liebe getrunken ...

Und die Menschen ... Er konnte jetzt nicht an die denken, die ihm Böses getan auf seinem Wege. Er mußte derer gedenken, die ihm Liebe erwiesen, und fand ihrer eine ganze Reihe, mehr als er früher je gedacht hätte, von seinen Kindestagen an bis auf die letzten Stunden ... Er war am Hause des Schusters angelangt, in dem das Licht jetzt auch gelöscht war. Da blieb er einen Augenblick nachdenklich stehen, und als er seinen Weg fortsetzte, nickte er still vor sich hin.

Er ging jetzt die Dorfstraße entlang und dachte an die Schwierigkeiten und Wirrnisse, in die er hineingeraten war. Wo waren sie geblieben? Was war einfacher, als morgen in dieses und in jenes Haus zu gehen und zu sagen, daß das Geschehene ihm herzlich leid täte? Und was das andere betraf? Was war leichter, als dem Superintendenten kurz und klar hinzuschreiben, für die Behandlung seiner Schülerin in Sachen des Katechismus nehme er, der Lehrer, die volle Verantwortung auf sich, und er halte es für eine Ungerechtigkeit, jene für etwas büßen zu lassen, was er selbst gefehlt habe, wenn es eine Verfehlung sei.

Zu Hause angekommen, zündete er ein Licht an. In der schwachen Helligkeit, die dieses um sich verbreitete, sah er die Bilder des Harfenspielers und Mignons. Da nahm er das Licht und hielt es nahe heran und las die Verse und nickte dazu, langsam und nachdenklich und froh. Wie einer, der über einem Rätsel, das ihn nicht losließ, lange gesonnen hat und nun sich endlich auf dem Wege sieht, es zu lösen ...

Dann ging er zu Bett. Was er in den letzten Stunden Schreckliches erlebt hatte, lag wie ein halbvergessener grausiger Traum hinter ihm. Und vor ihm leuchtete, lockender und heller und näher denn je: das goldene Tor ...