Wieder machte der Sterbende langsam und weit die Augen auf und wandte sie dem Lichte zu. Sie schienen in unendliche Fernen zu schauen. Und diese blassen Lippen öffneten sich und hauchten: »Das ... goldene ... Tor ...«

»Er ist doch auf dem rechten Wege,« flüsterte der Schuster, und über sein Gesicht ging eine stille Freude, »... er sieht schon die Tore Jerusalems, der hochgebauten Stadt, von ferne leuchten ...«

»Und nun ist er angekommen,« sagte er nach einer Weile.


Zu der Beerdigung kamen der Vater, die Stiefmutter und die ältesten Geschwister auf einem geliehenen Wagen angefahren. Aus Solten sandte jedes Haus zwei zum Trauergefolge. Auch die ganze Schuljugend folgte; jedes Kind trug einen Tannenkranz.

Der alte Superintendent hatte seit Weihnachten einen Adjunkten und war froh, diesem das Begräbnis übertragen zu können. Als die Gemeinde vom Grabe sich in die Kirche begeben hatte, verlas der junge Pastor nach der Sitte zunächst den von einem Lehrer der Nachbarschaft verfaßten Lebenslauf, der die äußeren Lebensdaten des Verstorbenen in stereotyper Form aufzählte. Dann legte er das Blatt zur Seite und fuhr fort: »Was wir eben gehört haben, andächtige Trauerversammlung, ist von dem Leben unseres Entschlafenen das, was vor aller Augen liegt. Sein wirkliches Leben, das Leben, das sich in dem Tiefsten und Eigensten abspielt, das kennt wohl kein Mensch, die nächsten Angehörigen nicht ausgenommen. Ich habe den Entschlafenen auf seinem letzten Lager einige Male besucht und hätte gern einen Blick in sein inneres Leben, seine Entwicklung, sein Werden und Wachsen getan. Aber er hat mir diesen Blick nicht verstattet. Er durfte es wohl nicht, weil die Zartheit und Keuschheit seiner Seele es ihm verbot. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, daß er in der Stille viel Leid erfahren und schwere Kämpfe hat durchmachen müssen, und daß er gesiegt hat in der Kraft dessen, durch den wir Christen die Welt überwinden wollen. In dem Lebensalter, in dem er von uns gegangen ist, sind die meisten von uns noch gar nichts. Aber ich glaube, er ist hingegangen nicht als ein Unreifer, sondern als ein Reifer, der ganz in der Stille durch beides, Liebes und Leides, was der Lenker seines Lebens ihm geschickt, etwas geworden ist zu seines Gottes Ehre. Vielleicht sind solche Menschen, die nichts aus sich machen, unerkannt und manchmal auch wohl verkannt ihren Weg gehen, still suchen und sich sehnen, still lieben und leiden, still glauben und hoffen, wachsen und werden, kämpfen und siegen, gerade die besten unseres Geschlechts und Gottes liebste Kinder ...«


Nach Beendigung der Feier kehrten die Verwandten in das Sterbehaus zurück. Sie wollten der Einfachheit halber Peters Hinterlassenschaft gleich auf dem Wagen mitnehmen. Als sie diese zusammensuchten, verteilte die Stiefmutter gleich die einzelnen Kleidungs- und Wäschestücke an ihre anwesenden größeren Kinder. »Düsse Mütz,« sagte sie, »kannst du man updrägen, Vader.« Und Harm Eggers paßte sie gehorsam auf. Die Schulbücher sollten die Jüngsten in der Schule verreißen; wo man mit den gelehrteren bleiben wollte, mußte sich später finden. »Wat fangt wi mit de Vigelin' an?« fragte Trina. Der Schuster bat, sie zum Andenken an den Toten behalten zu dürfen. »Wat will he utgewen?« Zwanzig Silbergroschen bot der Mann. »Nee, ünner'n Daler geiht dat Ding nich weg,« erklärte Trina bestimmt. Der Schuster legte schweigend den Taler auf den Tisch. Die Bilder an der Wand blieben ihm ohne Entgelt, da sie nicht als zur Erbmasse gehörig erkannt wurden. Reich mit Beute beladen fuhr die trauernde Familie davon. Trina berechnete gerade den Gesamtwert des Erbes, da hielt der Wagen an. Clas Mattens war ihm mit seinem Schein in den Weg getreten und erhob Anspruch auf den Tisch. Es gab eine häßliche Szene, aber der Schein und des Bauern Hartnäckigkeit behielten den Sieg. Mit geschmälertem Erbe zog die Familie trauernd weiter.

Die Schustersleute ließen die Zimmerwand, an der Peter seinen letzten Kampf gekämpft, wie sie war. In der Mitte hing seine treue, nun auch verstummte Geige. Links schaute Mignon sehnsuchtsvoll träumerisch in die Ferne:

So laßt mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.