»Ach du, mit deinen alten Büchern immer! Du tust grad' so, als ob das ganze Leben so zwischen den Pappdeckeln säße.«
»Marie, darüber mußt du nicht reden. Das verstehst du nicht,« verwies er ernstlich. »Übrigens das mit dem Graben ... ich will nicht sagen ... so 'ne Viertelstunde nach dem Mittagessen mal ... oder auch mal 'ne halbe ... das ginge am Ende doch ... Die alten Lateiner hatten ein Wort, das die Gelehrten folgendermaßen übersetzen: eine gesunde Seele in einem gesunden Körper. Für die Seele sind die Bücher, und für den Körper, ja, da ist so ein Stündchen Arbeit mal ganz gut ... Ja, ich will dir wohl mit helfen ...«
»Peter, du sollst mal sehen, das wird aber gemütlich. Zu zweien arbeitet sich's viel besser als allein. Großvater und Großmutter schlafen dann; da können wir uns immer schön was erzählen. Ich muß dir so viel erzählen, von meinen kleinen Brüdern zu Hause, und von meinen Schwestern, und was wir da abends immer spielen. Und du, na du kannst mir mal was aus deinen Büchern erzählen. Aber nicht so'n langweiligen Kram, wo'n bei gähnen muß. Daß ich doch etwas von deiner Gelehrsamkeit abkriege und nicht so dumm bleibe ... Hör'! Was ist das?«
Aus dem Dorf tönte plötzlich etwas herüber, wovon man zunächst nicht wissen konnte, ob es ein Schmerzensgebrüll oder eine Art von Gesang sein sollte. Wenn man genauer hinhörte, war die Melodie des Chorals: »Wie schön leucht' uns der Morgenstern« herauszuhören. Es klang trotz der Entfernung grauenerregend. Und das Mädchen starrte ihren Begleiter entsetzt an, als sie fragte: »Was ist das?«
Peter sagte gleichmütig: »Och, da wohnt so'n alter Kerl, der vor'n Stücker zwanzig Jahren verrückt geworden ist. So grölt er jeden Sonntagvormittag.«
»Ist das nicht der Gesang: ›Wie schön leucht' uns der Morgenstern, voll Gnad' und Wahrheit von dem Herrn?‹«
»Ja, der soll's ja wohl sein. Mit dem, was daran fehlt.«
»Woher weiß denn der arme Mensch, daß Sonntag ist?«
»Och, das mag er wohl daran sehen, daß die andern Leute ihr gutes Zeug anziehen und nach der Kirche gehen.«
»... Wie schön, daß der arme Mensch doch auch seinen Sonntag hat! ... Hör', jetzt kann man's auch verstehen. Er hat nach dem ersten Vers gleich den letzten angefangen. Hör': Amen — Amen — komm du schöne — Freudenkrone — bleib nicht lange, — deiner wart' ich mit Verlangen ... Nun ist er still ... Wenn sie ihm doch bald geschenkt würde!«