Peter warf schnell einen erstaunten Blick auf das Mädchen, das still nach der Richtung schaute, wo eben der Gesang verstummte. Dann senkte er ein wenig den Kopf und errötete. Er schämte sich.

Auf der Höhe, über die der Kirchweg führte, wurden die ersten zurückkehrenden Kirchbesucher sichtbar. Da gingen die beiden langsam und schweigend durch den Garten zum Hause zurück.

Vor der Haustür wurde Peter stürmisch von seinem alten Freunde Phylax begrüßt, der eben von einem Frühjahrsbummel durch das Dorf zurückkam. Er tätschelte ihm zweimal mit der Hand über den Kopf und kümmerte sich dann nicht weiter um ihn. Da leckte Phylax sich verlegen ums Maul, und in seinem ehrlichen Hundegesicht war ein ähnlicher Ausdruck, wie etwa in dem eines Menschen, der sich nach langer Trennung einem alten Freunde an die Brust geworfen hat und nun plötzlich merkt, daß bei jenem die Freundschaft merklich abgekühlt ist, vielleicht weil sich inzwischen für ihn etwas Besseres gefunden hat. Phylax sah das Mädchen mit einem Blick an, als ob er sie in Verdacht hätte, ihm die Freundschaft Peters gestohlen zu haben.

Als die Schulmeistersleute zurückkamen, setzte die jetzt vierköpfige Familie sich sofort an den Mittagstisch.

»Peter,« begann der Schulmeister, »durch deine Langschläferei hast du dich um eine ganz wunderschöne Predigt gebracht. Der Pastor hat anerkennenswert gut über das heutige Evangelium gepredigt: Wie der Herr unter die Jünger tritt bei verschlossenen Türen und sagt: Friede sei mit euch. Dieser schöne Gruß klang da immer wieder durch, und ging einem recht zu Herzen. Ich habe mich sehr erbaut ... Aber Marie, was hast du bloß mit dem Essen angefangen? Der Suppe fehlt das Salz, und das Fleisch hast du nicht mürbe gekriegt. Hast du denn gar nicht an meine Zähne und meinen schwachen Magen gedacht?«

Die Getadelte wollte die Zähigkeit des Fleisches mit dem Alter der Kuh entschuldigen, wurde aber zur Ruhe verwiesen. Da konnte Peter sich nicht mehr halten. Ihm hatte es die beiden Jahre noch nie so gut geschmeckt wie eben jetzt, und er sagte, ohne aufzublicken: »Ich finde im Gegenteil, es schmeckt alles sehr gut,« und hieb tapfer mit den Zähnen auf eine Sehne ein. Die Schulmeisterin hatte ihre Gabel hingelegt und sah Peter starr von der Seite an. Der Schulmeister aber sagte, hämisch lächelnd: »Soo? Du hast wohl mal wieder gehörig hungern müssen, bei deinem nassen Vater und der zärtlichen Stiefmutter?« Peter wurde glutrot und beugte sich tief über den Tisch. Er schämte sich vor der neuen Hausgenossin. Als man aufstand, ging er schnell aus der Stube, ohne jemand anzusehen.

Auf seiner Dachkammer angelangt, schlug er mit der Faust dröhnend auf den altersschwachen Tisch. Seine Scham war dem Zorne gewichen. Zum ersten Male, solange er in Wehlingen war, war er auf den Schulmeister wirklich zornig. Da läuft der Kerl, dachte er, in die Kirche und erbaut sich an dem Friedensgruß des Auferstandenen, und dann kommt er wieder und verdirbt seinen Mitmenschen den schönen Sonntag; dem armen Ding da unten durch ungerechtes Mäkeln am Essen und ihm, Peter, durch den hämischen Spott über seine häuslichen Verhältnisse, an denen er doch unschuldig war und unter denen er ohnehin genug litt. Aber so war der Mann eigentlich ja schon immer gewesen. Peter wunderte sich, daß er jetzt erst anfing, ihn zu durchschauen.

An diesem Vormittag war's ihm gewesen, als sei ein neuer Geist in das Schulhaus eingezogen. Er mußte bitter lachen, wie er jetzt daran dachte. Nein, der alte mürrische, unzufriedene, kleinliche Geist hatte nach wie vor die Herrschaft. Aber etwas anders war's doch geworden ...

Wart', morgen mittag, wenn die beiden alten Ekel auf dem Ohr liegen, dann grabe ich im Garten ... Nicht allein, wie diese beiden langweiligen Jahre, sondern in Gesellschaft. Sie freut sich mächtig darauf. Wie lachten ihre Augen, als ich ihr versprach, daß ich ihr helfen wollte! Och ja, es kann ganz interessant werden. Solche Mädchen haben was Komisches an sich ... Ich soll ihr aus den Büchern erzählen ... Was nehme ich da wohl? Ich muß etwas Leichtes aussuchen. Das Schwere versteht so'n Mädchen ja doch nicht ... Daß ein Gelehrter gesagt hat, die Menschen stammten von den Affen ab, und es auch Menschen gibt, von denen man das beinahe glauben könnte ... Daß der alte Kaiser Barbarossa unten im Kyffhäuser sitzt, und der lange weiße Bart ist ihm durch den steinernen Tisch gewachsen, und daß Deutschland vielleicht noch mal einen Kaiser wieder kriegte; einige meinten, der König von Preußen müßte es werden, aber er, Peter, hätte mal gelesen, die Preußen wären gar keine echten Deutschen, sondern halbe Russen, und er hätte mal einen Preußen gesehen und von diesem einen sehr schlechten Eindruck gewonnen ... Daß die Franzosen einmal eine große Revolution gemacht und dabei ihren König geköpft und den lieben Gott abgesetzt hätten. So wäre es aber doch nicht gegangen, und da hätten sie ihn wieder eingesetzt, das heißt nicht den richtigen, sondern nur ein »höchstes Wesen« ... Daß die Menschen einen Stoff entdeckt hätten, den sie Elektrizität nennten, und manche meinten, damit würde man noch mal Wagen ziehen können. Aber das glaube er nicht, denn es sei schon wunderbar genug, daß der Dampf das könne ... Daß Schiller und Goethe die größten deutschen Dichter wären, aber sie wären beide tot, und nun gäbe es gar keine Dichter mehr, die ordentlich reimen könnten ... und so noch vieles mehr. Aber dies war für morgen wohl erst einmal genug.

Peter war seines geistigen Besitzes noch niemals so von Herzen froh gewesen als diesen Sonntagnachmittag, da er die Aussicht hatte, ihn am nächsten Tage auf so angenehme Weise zu verwerten.