Am letzten Sonntag vor Schulschluß hatte er in Olendorf den Gottesdienst besucht und blieb den Nachmittag über bei einem Kollegen und Altersgenossen, mit dem er oberflächlich ein wenig verkehrte. Marie war seit einigen Tagen verreist, um zu Hause die Kindtaufe von Nummer acht mitzufeiern. Und den Sonntagnachmittag allein bei den sauertöpfischen Alten zu verleben, hatte er keine Lust. Ohne sie konnte er sich das Schulhaus gar nicht mehr denken.
Gegen Abend trat er den Rückweg an. Der Kollege begleitete ihn eine Strecke.
Im Kirchdorf war heute Tanzmusik, und die Straße auf und ab schlenderten Scharen geputzter junger Leute. Die Musikanten kamen eben mit ihren Instrumenten, und die Wirtshausdiele hatte ihre bekränzten Tore weit und einladend geöffnet. »Möchte auch wohl mitmachen,« sagte der andere, lüstern hineinblickend, »aber mein Küster gönnt's mir nicht. Er ist noch einer von den Altmodischen und meint, wir Schulmeister gehörten so halb und halb mit zur Geistlichkeit.«
»Die jungen Kerls,« sagte Peter, »nehmen uns Schulmeister doch nicht für voll.«
»Aber die Deerns,« sagte der andere, »wenn einer man'n rechter Kerl ist.« Er hielt sich ohne Zweifel für einen solchen und zupfte an den Härchen, die ihm auf der Oberlippe sproßten. Die waren etwas länger als Peter seine und konnten übers Jahr vielleicht schon Bekanntschaft mit dem Rasiermesser machen.
Um Peter zu beweisen, daß er kein Dummer mehr war, erzählte er dann allerhand Geschichten vom Olendorfer Jungvolk. Geschichten, wie der weltfremde Peter sie von der Wehlinger Jugend nie gehört hatte. Nachdem dieser eine Zeitlang schweigend zugehört hatte, sagte er zuletzt: »Na, Mensch, nun hör' man endlich auf mit deinen dummen Geschichten!«
Als der Begleiter umgekehrt war, ging Peter langsam durch die Heide. Es war sehr warm, und Eile hatte er ja nicht.
Nach einer Viertelstunde führte der Weg in eine Senkung, das Wendenloch, hinab. Dort sollte es nicht ganz geheuer sein, wie Peter aus einer alten Chronik wußte. Und eine alte Frau hatte ihm erzählt, hier wäre ihr einmal der Heideteller begegnet, der zur Strafe für seine Sünden bis an den jüngsten Tag die Heidekräuter zählen müßte. Und was ihre Mutter gewesen wäre, die hätte zweimal den Ohnekopf gesehen. Einmal hätte er seinen Kopf unter dem Arm getragen, das andere Mal mit ihm den Hügel hinab Kegel geschoben, und aus dem Tale habe einer, wahrscheinlich der Teufel selbst, unheimlich gerufen: Alle Neune! An diese Geschichten dachte Peter, der Volksaberglaube hatte auch über ihn einige Gewalt, und so zögerte er ein wenig, ehe er in das von dunklen Wacholdern und weißen Sandblößen durchzogene Tal hinabstieg.
Plötzlich rief es munter hinter ihm: »'n Abend, Peter!« Er flog jäh herum. Marie! —
»Wo kommst denn du auf einmal her?«