Mit dem Einstecken der Bohnenstangen hatte die Gartenarbeit einstweilen ihren Abschluß gefunden. Das war Peter freilich nicht angenehm. Aber vielleicht war auch das ganz gut.
Aber, obgleich Wolken und Regen die Maienherrlichkeit verhüllten und die Menschen ihre Arbeit einstellten, es war im Garten doch alles lebendig und wuchs und kam vorwärts. Und obgleich Peter wieder mehr Schulmeister und Büchermensch war und keine Bohnenstangen mehr einsteckte, den Frühling hatte er doch in sich, und der wirkte und schaffte in ihm an allen Enden. Er wuchs und kam vorwärts.
Unter den großen Schulkindern, denen er auch in einigen Fächern Unterricht gab, hatte er einen langen Jungen, der ebenso begabt wie frech war. Es war Peter immer schwer geworden, ihm gegenüber sein Ansehen als Lehrer zu wahren. Im Wissen konnte jener es mit ihm ja nicht aufnehmen, aber im übrigen fühlte der von Kindheit an gedrückte, arme Häuslingsjunge nicht selten die Überlegenheit des körperlich und geistig gesunden Sprößlings bester Bauernrasse. Als der Schlingel sich nun wieder einmal eine Ungezogenheit erlaubte und den aufmerksam gewordenen jungen Schulmeister kameradschaftlich herausfordernd ansah, fühlte dieser sich plötzlich überlegen. Er ging mit festem, dröhnendem Schritt auf seinen Gegner los und sagte ihm mit jetzt völlig gewechselter Stimme, er möchte die Ungezogenheit nur noch einmal wiederholen, dann sollte er mal was erleben. Der Junge sah Peter verdutzt in die Augen, merkte, daß aus ihnen eine Kraft und Entschlossenheit sprach, mit der nicht zu spaßen war, und ärgerte ihn fortan wie ein Schüler seinen Lehrer, aber nicht mehr auf kameradschaftlichem Fuße. Zu seiner großen Genugtuung hörte Peter am Schluß der Stunde, wie die großen Mädchen sich zuflüsterten: »Kinners, Kinners, de lüttje Scholmester is nu abers 'n Keerl worrn!«
Peter machte sich jetzt, nachdem die Gartenarbeit zur Ruhe gekommen war, auch wieder mit Eifer an seine Bücher. Damit erging's ihm auch merkwürdig. Früher meinte er, ein Buch wäre ein Buch und hätte als solches Anspruch darauf, von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen zu werden. Jetzt klappte er manche Bücher nach ein paar Seiten zu, und in andern las er nur einzelne Abschnitte, die er sich selbst auswählte. Früher hatte er wahllos alles zu behalten gesucht, was ihm unter die Augen kam. Jetzt verbot er seinem Gedächtnis oft geradezu, sich mit irgend welchen gleichgültigen Dingen zu belasten. Manchmal machte er sich im stillen Fragezeichen, obgleich die Sache da schwarz auf weiß vor ihm stand. Der Glaube an die Unfehlbarkeit der Druckerschwärze wurde ihm wankend.
Einmal bekam er zwei Bücher geliehen, von denen das eine eine »wahre Geschichte«, das andere ein »Roman« sein wollte. Er nahm die »wahre Geschichte« mit gutem Vertrauen zur Hand, aber bald legte er sie mit dem Gefühl zur Seite, daß in dem Buche alles unwahr und verlogen wäre. Dann machte er sich mit großem Mißtrauen an den »Roman«. Dieses Fremdwort übersetzte er sich nämlich mit »Lügengeschichte«. Aber schon auf der zweiten Seite wurde ihm, als ob aus den Zeilen ein stilles, ernstes Menschenauge ihn anschaute, und bald klopfte ihm ein Menschenherz entgegen, und sein Herz klopfte mit. Bald mußte er vor Behagen lächeln, dann wieder mußte er sich die Tränen trocknen. Als er das Buch zu Ende gelesen hatte, fing er gleich wieder von vorne an. Und nach vier Wochen las er es zum dritten Male. Dann konnte er das Buch ruhig wieder zurückgeben. Denn die Menschen, von denen es erzählte, lebten jetzt mit ihm und waren ihm gute Freunde geworden. Von da an suchte er nach solchen Büchern, fand ihrer aber nur wenige. In den meisten, die sich auch Romane nannten, waren die Menschen ebensolche mit allerlei zweifelhafter Weisheit ausgestopfte und mit fadenscheinigem Tand behängte tote Puppen wie in der »wahren Geschichte«.
Als Peter so angefangen hatte, beim Lesen auszuwählen, abzulehnen, Fragezeichen zu machen, zu vergleichen, Verbindungslinien zu ziehen, das Lebendige zu suchen, kurz, als er angefangen hatte, nicht mehr als Schulmeister, sondern als Mensch zu lesen, hatte er an seinen Büchern eigene tiefe Freude und brauchte nicht mehr nach Abnehmern für seine jeweilig neueste Weisheit zu suchen. Er wußte auch gar nicht mehr so viel, was er andern hätte erzählen können, und wenn der frühere Eifer, zu belehren, ihn noch einmal packte, sagte er sich: Vielleicht wissen sie's auch ohne dich, und wenn sie's nicht wissen, dann schadet's auch nicht viel.
Wenn er einmal darüber nachdachte, wann und wie die große Wandlung über ihn gekommen wäre, mußte er immer wieder an das Bohnenstangenstecken und an Marie denken. Und wenn er so recht von Herzen an sie dachte, tanzten die Buchstaben wieder, und die lebendigsten Bücher waren tot. Aber das schadete nichts. Nachher waren sie dann wieder um so lebendiger, und aus den Buchstaben schaute mit helleren Augen eine Welt, in die einzudringen ihm von Tag zu Tag mehr Freude machte.
Ja, ja, der Frühling schaffte an allen Enden. Unten in des Schulmeisters Obst- und Gemüsegarten, und oben in der engen Dachstube, wo ein junges Menschenherz ihn erlebt hatte, endlich, nachdem es lange unter der Eisdecke des Winters in Erstarrung gelegen hatte.
Und auch in einem andern jungen Herzen schaffte er wohl, trotz der Nähe der beiden alten Eisklumpen, die er nicht mehr schmelzen konnte. Wo etwas werden und wachsen will, dahin hat er ja noch immer den Weg gefunden.
Die Sommerferien nahten. Peter hatte sich die ganzen Jahre noch nicht auf Ferien gefreut. Aber dieses Mal fürchtete er sich vor der langen, langen Zeit, die er fern von Wehlingen zubringen sollte. Er hätte etwas darum gegeben, wenn er die vier Wochen hätte ausstreichen können.