Er warf das Buch hin, streckte die Arme von sich, sah mit weitoffenen Augen in die Sonne und fühlte das warme Blut und neue Jugend und Kraft und Mut durch seine Adern rinnen. Ja, ja, das war's: O Mädchen, Mädchen, wie lieb' ich dich! ...
Der gute Peter! Seine jungen siebzehn Jahre hat er unter dem Druck und in der Kälte gestanden. Elternliebe, Geschwisterliebe, Freundschaft — bis auf die mit dem Hund — sind ihm fremd geblieben. Einsam und verprügelt daheim, einsam und gedrückt hier im Schulhause. Nun ist's auf einmal über ihn gekommen. Nun ist seine junge Seele plötzlich erglüht und weiß sich nicht zu helfen und zu fassen vor übergroßem Glück.
Plötzlich, mitten in seiner jubelnden Freude, mußte er an die armen Wippsteerte denken. Da kam eine tiefe Traurigkeit über ihn. Er redete sich ein, Wippsteerte gäbe es ja so viele, und auf ein Nest voll käme es nicht an. Aber die Traurigkeit wollte nicht weichen. Und er merkte, daß er gar nicht über die Wippsteerte traurig war. Aber worüber denn? Das wußte er selbst nicht. Er blätterte gedankenlos in seinem Goethe. Da fiel sein Blick auf die Verse:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!
Bis hierher war er gekommen, da rief's unter dem Fenster: »Peter!« Da ist alle Traurigkeit mit einem Schlage verschwunden. Es ist ihre liebe, helle Stimme. O Mädchen, Mädchen, wie lieb' ich dich! —
Mit zitternden Knien stieg Peter seine Treppe hinunter. Als er in die Wohnstube trat, wehte es ihm wie Eisesluft entgegen. Bei den Alten war der Maientag schon wieder dahin. Grämlich hockten sie auf ihren Stühlen ...
Aber da kommt ja der Frühling. Wie ihre Augen leuchten! Wie sie das viele Geschirr sicher und zierlich zu tragen weiß! Aber da! Eine Untertasse fängt an zu wackeln, bekommt das Übergewicht, Peter springt hinzu, zu spät! Mit lautem Krach fliegen die Scherben auseinander. Die Alte bekommt vor Schreck einen nervösen Zufall, dem Schulmeister fährt's in die kranke Schulter, beide schimpfen, Marie weint, und Peter sitzt da voll Wut, Liebe und Mitleid und denkt unwillkürlich an die Worte, die er eben gelesen: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß ...« Nur diese waren ihm im Gedächtnis geblieben.
Schulmeister Wenckes rheumatische Schulter behielt, wie immer, recht. Es wurde ander Wetter. Die schönen Sonnentage waren dahin, und graue Regenwolken ließen alle die Herrlichkeit, die jene hervorgezaubert hatten, in einem viel nüchternerem Licht erscheinen.
Und mit Peters Maienglück ging's ähnlich. Die abendliche Szene, die ihn aus seinen Himmeln in die rauhe Wirklichkeit des Wehlinger Schulhauses herabriß, machte den Anfang, und die folgenden Tage mit Schulplackerei und unwirscher Stimmung im Hause und Regen draußen arbeiteten weiter, ihn einigermaßen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und das war auch gut. Wie hätte ein Junge, dem die Buchstaben vor den Augen tanzten, die Wehlinger Schuljugend das Lesen lehren können? Deshalb war es gut, daß sie bald wieder leidlich vernünftig und ehrbar vor seinen Augen einhermarschierten.