»Ist's denn keine gute Geschichte ...?«

»O doch. Wunderschön ist sie, oder nein, eigentlich auch sehr traurig ... Weißt du was, Marie? Ich hätte beinahe Lust, sie dir zu erzählen ...«

»Ja, Peter, ganz wie du meinst. Ich habe immer gern schöne Geschichten gehört. Wenn sie auch 'n bißchen traurig sind, das schadet gar nichts.«

»Du weißt doch, daß meine rechte Mutter ganz früh gestorben ist, als ich erst drei Jahre alt war?«

Er sah sie an. Sie nickte still.

»Als sie meine Mutter nach dem Kirchhof getragen hatten, und ich das nicht wußte und die Leute fragte, wo sie geblieben wäre, zeigte mir eine ganz alte, weiße Frau den dunklen Himmel mit seinen Sternen und sagte, da oben im Himmel wäre meine Mutter nun, und die Sterne wären lauter Fenster, da könnte sie herauskucken. Ich glaubte das natürlich, denn ich war damals noch ein Kind. Als ich nun wohl so fünf Jahre alt war, spielte ich eines Abends nicht weit von unserem Hause am Waldrande. Es war ziemlich dunkel, die Fledermäuse flogen schon. Wie ich so zufällig den Weg entlang durch den Wald sehe, ist's da auf einmal ganz hell, und über dem Hellen steht ein großer goldener Stern, gar nicht hoch über der Erde. Da denke ich, heute abend ist die goldene Himmelstür offen, und wenn du schnell läufst, kannst du hinkommen, ehe sie wieder zugemacht wird. Und dann findest du da wohl eine Treppe, die zu dem hellen Fenster hinaufführt, und findest da wohl deine Mutter. Ich lief also in den Wald hinein. Da war's so still, daß ich mich fast fürchtete, und ich dachte: Wenn du bloß einen hättest, der mitginge! Aber ich lief doch weiter. Da plötzlich rauschte etwas Schreckliches dicht über mir und rief: Uhuh, Uhuh — ich glaube jetzt wohl, es ist ein Uhu gewesen. Da duckte ich mich schnell in den Graben am Wege und weinte laut und war schrecklich bange, weil ich ganz allein war. Zuletzt kam ein Mann auf dem Wege daher, hob mich auf und fragte, wie ich so spät noch in den Wald käme. Ich wollte in den Himmel, sagte ich, und zeigte ihm das goldene Tor. Da schüttelte er den Kopf und sagte, der Weg wäre viel zu weit, dahin könnte ich allein nicht gehen. Und nahm mich auf den Arm und trug mich nach Hause, und da erzählte er, wie er mich gefunden hätte. Und meinem Vater seine neue Frau gab mir eine tüchtige Tracht Schläge und sagte, sie wäre nun meine Mutter, und ich müßte sie liebhaben. Aber wenn ich auch die Schläge gekriegt habe, an die goldene Himmelstür habe ich doch noch oft denken müssen ... Und habe sie auch noch oft gesehen ... Und habe immer gedacht, wenn du doch bloß einen hättest, der mit dir gehen könnte. Aber ich konnte keinen finden, den ich darum bitten mochte. Sie sahen alle aus, als ob sie dazu keine Lust hätten ... Ich bin beinahe immer allein gewesen als kleiner Junge ... Und bin immer allein geblieben ... das ganze Leben durch ... Erst zu Hause ... und dann bei deinen Großeltern auch ... Aber, o Marie, seit Ostern ist mir's, als ob ich zum ersten Male in meinem Leben nicht allein wäre ... Wir beide haben ja zusammen im Garten gegraben. Wir haben zusammen die Bohnenstangen eingesteckt. O wie war das schön! Und nun gehen wir hier miteinander. Hier ist der Weg. Und da ist das goldene Tor wieder. Sieh, wie es leuchtet und lockt! Ich glaube ... wenn wir beide zusammenblieben, dann kämen wir hin ...«

»Och Peter ...« sagte sie und sah ihn mit großen, weitoffenen Augen an, »... wenn wir dahin wollen, wo deine Mutter ist, dann müssen wir doch vorher erst — sterben.«

»Och Marie,« sagte Peter erschrocken, »sprich nicht solch ein Wort und mache nicht solche Augen! Hör' zu, ich will dir sagen, wie ich jetzt, wo ich groß bin, das mit dem goldenen Tor verstehe. Sieh, ich bin ja jetzt noch ein armer, dummer Junge. Aber das möchte ich nicht bleiben. Und ich möchte auch nicht so'n Schulmeister werden, der in einem halben Jahr auf dem Seminar so das Allernotdürftigste gelernt hat und selbst nicht mehr weiß, als was er die Kinder lehren muß. Nein, ich möchte nachher auf das Hauptseminar und da noch ein paar Jahre tüchtig lernen und studieren, damit ich von den Dingen den Grund zu wissen kriege. Und das Orgelspiel möchte ich gründlich lernen. Ich mag furchtbar gern Musik hören und habe noch mehr Lust, selbst welche zu machen. Dein Großvater hat mir schon einmal etwas Geigenstunden gegeben, und ich konnte das auch ziemlich gut begreifen. Aber bald hatte er keine Lust mehr und hat's wieder aufgegeben. Und dann möchte ich Küster werden, irgendwo, wo eine große, schöne Orgel ist. Und dann möchte ich lange Jahre gesund wirken und schaffen. Und auch tüchtig Geld verdienen. Denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Daß ich gemütlich leben kann in einem freundlichen Heim. Und mir auch mal was Schönes kaufen kann ... eine schöne alte Geige; denn die alten sind die besten, hat dein Großvater mir mal gesagt ... und gute Bücher auch. Daß ich lesen kann, was die größten und besten Menschen gedichtet und gedacht haben. Denn, Marie, es gibt nicht bloß diese Welt, die wir mit unsern Augen vor uns sehen. Es gibt auch eine Welt, die wir nicht sehen können. Die Musik ist eine Pforte dazu, und gute Bücher führen uns auch hinein. In diese wunderbare Welt habe ich bis jetzt nur ein paarmal einen schnellen Blick getan, aber ich möchte so recht darin zu Hause werden ... Und dann, ganz zuletzt ... ja, dann möchte ich auch dahin, wohin ich als Kind schon laufen wollte, durch das goldene Tor dahin, wo meine Mutter nun schon so lange ist ...«

»Peter, das ist aber nicht wenig, was du dir da alles vorgenommen hast. Und du meinst, daß du dieses alles erreichen wirst?«

»Ja, Marie; denn es ist so viel Sehnsucht in mir. Ich habe sie schon immer gehabt, aber nun hast du sie erst recht geweckt.«