Bislang hatte er für die Wanderung nach Wehlingen immer drei Stunden und länger gebraucht. Heute legte er den Weg in kaum zwei und einer halben zurück. Als er jene Höhe erreichte, von der das Dorf im Grunde sichtbar wird, wirbelte er den Stock um den Kopf und sprang in langen Sätzen ins Tal hinab.

Nun stand er mit klopfendem Herzen vor dem Schulhause und streckte die zitternde Hand aus, die Tür zu öffnen ... Was ist das? Sie ist verschlossen. Wie er ratlos steht und umhersieht, kommt eine Nachbarsfrau mit dem Schlüssel und erzählt ihm, die Schulmeistersleute wären heute morgen alle drei verreist, zum Besuch bei dem verheirateten Sohne. Da wäre was Lüttjes angekommen. Sie müßte das Haus bewachen und das Vieh versorgen. Peter machte ein sehr langes Gesicht, und als die Frau ihm aufgeschlossen hatte, stieg er sehr langsam die knarrende Treppe hinauf. Lange saß er an seinem Tisch und ärgerte sich, daß er nicht einen Tag früher auf den Gedanken gekommen wäre, Weltgeschichte zu arbeiten. Beinahe hätte er aber den Leitfaden, um dessentwillen er die weite Reise gemacht hatte, noch einmal vergessen, als er seine Dachstube verließ.

Von der schnellen Wanderung erhitzt und durstig geworden, ging er in die Küche, um sich ein Gefäß zum Wasserschöpfen zu holen. Da sah er eine Schürze an der Wand hängen, blau mit weißen Tupfen. Er erkannte sie sofort wieder. Die hatte sie getragen, als sie ihm die Butterbrote gab. Mit Rührung und Dankbarkeit betrachtete er das unschuldige Stück Zeug. Dann nahm er die Schöpfkelle, hob sich auf dem Hof einen Eimer voll Wasser aus dem Brunnen, und tat einen hastigen und langen Zug. Beim Trinken hatte er das Gefühl, als sei das Wasser für seinen erhitzten Zustand eigentlich zu kalt, aber er achtete nicht weiter darauf. Danach ging er in den Garten, geraden Weges zum Bohnenfelde. Hier dachte er mit stiller Freude des sonnigen Maientages, da sie zusammen die Stangen eingesteckt hatten. Jetzt waren sie von den Bohnen grün umwunden und mit tausend roten Blüten bedeckt. Ach, was hatte seit jenen Stunden auch in ihm alles zu grünen und zu blühen angefangen! — Einige Saudisteln, die sich unpassender Weise auf diesem für ihn geheiligten Boden angesiedelt hatten, riß er aus und warf sie über den Zaun.

Endlich trat er den Rückweg an. Er ging sehr langsam. Jetzt wirkte ja keine heimliche Kraft mehr, die ihn zog. Bald fühlte er sich ermüdet, und der Weg wurde ihm sauer. Ein Schmerzgefühl stellte sich ein, und er kam auf den Gedanken, dieses möchte von dem hastigen kalten Trunk kommen. Aber er tröstete sich, es würde schon wieder vorübergehen.

Die nächsten Tage fühlte er sich nicht recht wohl. Er lag nicht zu Bett und war nicht eigentlich krank, aber es war doch nicht mit ihm, wie es sein sollte. Da kamen ihm allerhand trübe Gedanken. Ob sein Glück Bestand haben würde? Konnte nicht irgend etwas Ungeahntes kommen und es grausam zerstören? Sein Lebensglaube, der eben angefangen hatte, sich von dem jahrelangen Druck zu erholen, wollte in diesen Tagen körperlichen Übelbefindens wieder wankend werden.

Einmal wachte er in der Nacht plötzlich auf, stieß einen Schmerzensschrei aus, sah starr um sich, fühlte sein Herz bis in die Halsschlagader hinauf klopfen und hatte das deutliche Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen sein mußte. Es dauerte lange, bis er ganz zu sich kam und sich mit dem Gedanken trösten konnte, daß er in sechs Tagen wieder zu ihr kommen sollte, die ihm Wort und Kuß darauf gegeben hatte, daß sie immer und ewig treu zu ihm halten wollte. Trotzdem dauerte es lange, bis er wieder einschlief.

Die letzten Ferientage ging es ihm wieder besser, und er konnte den Steinbecker Sommermarkt besuchen. Er paßte einen Augenblick ab, wo nur Kinder den Stand der Lüneburger Kuchentante umringten, und brachte bescheiden sein Anliegen vor. Mutter Bollermann lächelte verständnisinnig, und brachte aus einer besonderen Kiste ein rot bemaltes, mit weißem Guß verziertes Riesen-Kuchenherz zum Vorschein. »So eins hat dem Redbauern sein Willem seiner Braut auch geschenkt,« sagte sie, »ist's Ihnen so recht, junger Herr?« Peter errötete tief und fragte leise nach dem Preise. Die sechs Silbergroschen, die verlangt wurden, konnte er gerade aufwenden. Denn er hatte einige Tage für den erkrankten Schäfer des Bauern, dem die väterliche Kate gehörte, die Schafe gehütet.

So nahten die Ferienwochen ihrem Ende. Es war doch nicht ganz so, daß die Jahre ihn gedeucht hätten, als wären es Tage. Nicht einmal von den Wochen konnte er das sagen. Ja, sogar die Tage und Stunden konnten ihm lang genug werden, so lieb er seine Rahel hatte.

Endlich!

Endlich war der Tag gekommen, da er sein Bündel schnüren und wieder dahin fliegen konnte, wo's ihm lieb und heimisch war.