Zwei Tage später zog Peter in die Sommerferien. Als er in die Küche kam, um seiner Marie für vier lange Wochen Lebewohl zu sagen, griff sie hinter sich in den Schrank und brachte ein sauber eingewickeltes Butterbrot zum Vorschein. »Steck's weg! Zum Andenken,« sagte sie, und Peter ließ es in seiner Tasche verschwinden. Tief gerührt von solcher zarten Aufmerksamkeit — bisher hatte noch niemand daran gedacht, ihm für die dreistündige Wanderung einen Imbiß mitzugeben — suchte er nach Worten des Dankes. Aber da kam Mutter Wencke in die Küche und machte diese unmöglich, und überhaupt der Abschiedsszene ein Ende.

Peter nahm seinen Stock und ging. An der Straßenbiegung, wo das Schulhaus seinen Blicken entschwinden mußte, sah er sich um. Ob sie ihm nachblickte? Er suchte mit den Augen Haus und Garten ab, fand ihr Köpfchen aber nirgends. Aber er tröstete sich schnell. Sie hatte ihm ja das Butterbrot gegeben ... und Sonntagabend noch viel was Schöneres. Und froh wanderte er seines Weges, in den goldigen Sommertag hinein, durch reifende Kornfelder im Tale und dann durch die weite, braune Heide. Bald singend, dann summend, dann pfeifend, und endlich wieder schweigend, zog er seine Straße.

Als er anderthalb Stunden gewandert war, lockte ein gluckerndes Bächlein ihn vom Wege. Er legte sich in die Blumen, die es umsäumten, und zog sein Brot aus der Tasche. Andächtig faltete er das Papier auf seinen Knien auseinander. Da lagen zwei belegte Butterbrote vor ihm. Dünn das Brot, dick die Butter, und noch dicker die Mettwurst. Marie, Marie, was bist du gut! Lange erfreute er sich an dem Anblick. »Zum Andenken,« hatte sie gesagt. Aber schließlich sagte er sich doch, dies würde die vernünftigste Verwendung sein, auch ganz im Sinne der Spenderin, wenn er dabei nur mit Liebe an sie dachte. So begann er denn, in warmen Gedanken an sie, die Butterbrote zu verzehren. Solche hatte er alle seine Lebtage noch nicht gegessen; Stiefmutter und Mutter Wencke hatte beim Butterbrotmachen einen anderen Schnitt und Strich. Von Zeit zu Zeit führte er die hohle Hand zum Bach hinab und schöpfte sich einen kühlen Trunk. So hielt er sein Wanderfrühstück, umsummt von Hummeln und Bienen, die in den Blumen am Wasser und in der schon erblühten Moorheide Honig suchten. Als er die Andenken sich einverleibt hatte, nahm er das Einwickelpapier von der Erde auf. Das wollte er als wirkliches Andenken an diese schönste Wanderung seines Lebens und die besten Butterbrote, die er je gegessen, mit sich nehmen. Es waren zwei aus einem gefüllten Schreibheft gerissene Blätter. Das eine war von oben bis unten sorgfältig mit der Wahrheit bemalt: »Köln ist eine Stadt am Rhein,« das andere mit der ebenso zweifellosen Tatsache: »Der Löwe frißt gern Fleisch.« Dazu zeigten beide schöne, runde Butterflecken. Peter betrachtete die Blätter genau und andächtig, dann faltete er sie zusammen und schob sie in seine Rocktasche.

Als er weiterging, überlegte er sich, wie er diese Wohltat wieder gutmachen sollte. Er beschloß, demnächst den Markt in Steinbeck zu besuchen und Mutter Bollermann aus Lüneburg das größte Kuchenherz abzukaufen, das sie hatte, und seiner Marie dieses nach den Ferien mitzubringen.


Peter hatte sich vor den langen Sommerferien im Vaterhause gefürchtet. Jetzt fand er sie viel weniger schlimm, als sie ihm vorgeschwebt hatten. Die Lebensfreudigkeit, zu der sein gedrücktes Wesen in dieser glücklichen Zeit aufgeblüht war, war durch die elenden häuslichen Verhältnisse nicht tot zu kriegen. Und sein Humor auch nicht. Was? Peter Eggers und Humor? Wer hätte je gedacht, daß diese beiden sich finden würden? Der junge Schulmeister, der alle Dinge gleich ernsthaft nahm und von jeder Widerwärtigkeit tief verstimmt wurde, und der leise und heimlich lächelnde Lebensvergolder und Lebensüberwinder Humor? Aber es war so, Peter hatte auf einmal Humor. Wenn die Stiefgeschwister sich wie eine kleine Ferkelschar um das Eßtröglein drängten und eine Viertelstunde nichts waren als kauendes und schmatzendes Behagen, konnte Peter lächeln. Nicht so erhaben, wie früher, daß die Stiefmutter erbost auf ihn losfuhr und rief: »Du ole uppgepuste Scholmester du!« sondern so ganz fein, so ganz von innen heraus, daß ein anderer es nur eben sehen und Trina ihn freundlich ansah und sagte: »Ja, Peter, 't is'ne gesunde Art, freten könnt se as de lütten Swin'.«

Peter merkte bald, daß man, wie in der Schule, so auch hier im Hause ihm anders begegnete, wie früher. Die Stiefgeschwister zeigten einigen Respekt, auch Trina behandelte ihn nicht mehr einfach als dummen Jungen. Er merkte auch hier, daß die Schulmädchen recht hatten mit ihrem Flüstern: »He is'n Keerl worrn.« Da er sich in einem Holzverschlag am Ziegenstall eine eigene Schlafgelegenheit einrichten durfte, hatte der durch die Dachstube im Schulhause Verwöhnte auch in seinen äußern Lebensverhältnissen einigermaßen seine Gemütlichkeit.

Eines Sonntagnachmittags nahm Vater Eggers seinen Erstgeborenen heimlich beiseite und sagte vertraulich: »Kumm, Jung, wöt mal'n bäten utgahn.« Peter wußte gleich, wohin die Reise gehen sollte, und machte Schwierigkeiten. Aber diese neue Anerkennung seiner Männlichkeit schmeichelte ihm, und er ließ sich bereden. Und in der Kneipe angekommen, trank er tapfer aus, was der Vater im einschenken ließ. Am andern Morgen erwachte er mit greulichem Kopfweh, und Trina fragte ihn freundlich: »Wullt du ok so'n Süpern weern as din Vader?« Da gelobte er sich, auf solche Proben seiner Männlichkeit ein für allemal zu verzichten.

Einmal besuchte Peter auch seinen Pastor, gegen den er ein Gefühl der Dankbarkeit behalten hatte, weil dieser ihm die Wege zu seinem Beruf geebnet hatte. Der alte Herr machte große Augen und sagte verwundert: »Sieh mal an, Peter, wie du dich herausgemacht hast. Es gefällt dir wohl gut in Wehlingen?« »Jawohl, Herr Pastor, es könnte mir in der ganzen Welt nirgends besser gefallen,« sagte Peter mit leuchtenden Augen. »Ja, ja,« meinte der Pastor, »der alte Wencke hat als Schulmann einen sehr guten Ruf,« worauf Peter nichts sagte. Der Pastor fragte ihn dann noch dies und das, und hatte an seinem ungezwungenen Wesen und seinen frischen Antworten eine solche Freude, daß er ihn zum Kaffeetrinken einlud. Die Pastorin machte zwar erst ein etwas krauses Gesicht. Aber nachher meinte sie, und ihre sehr kritisch veranlagten ältlichen Töchter stimmten zu, man sollte gar nicht glauben, daß der alte Saufaus Eggers einen so manierlichen und netten Sohn haben könnte.

Er arbeitete viel in diesen Wochen; denn Michaelis sollte er ja nun auf das Seminar. Als die Ferien halb herum waren, wollte er die Weltgeschichte vornehmen. Da merkte er zu seinem Schrecken, daß er den Leitfaden in Wehlingen vergessen hatte. Aber der Schreck verwandelte sich schnell in Freude. Er mußte nun ja hin und das Buch holen. Die nächste Nacht schlief er unruhig, und in aller Herrgottsfrühe machte er sich auf den Weg.