»Du armer Junge du!«

»Kann ich mich darauf verlassen?« fragte Peter noch einmal.

Sie machte leise ihre Hände los, und plötzlich umschlang sie ihn und drückte ihm einen Kuß auf den Mund.

Ehe Peter, der, von dem Gefühl des Ernstes dieser Stunde völlig durchdrungen, auf so etwas nicht im mindesten gefaßt war, zu sich kam, war sie ihm entschlüpft. Jetzt wollte er hinter ihr drein. Aber sie gebot ihm mit aufgehobenem Finger Halt und flüsterte, er möchte draußen noch etwas warten und dann erst auf sein Zimmer hinaufgehen. Die Großeltern hätten einen so leisen Schlaf. Dann verschwand sie in der Haustür.

Peter schlich durch eine Zaunlücke in den Garten und setzte sich in die Jelängerjelieberlaube. Vor ihm lag die dunkle Masse des Hauses. Nun blinkte dort ein Lichtschein auf, und eine schlanke Gestalt trat vor das Fenster, sich gegen das in der Tiefe des Zimmers brennende Licht abhebend. Peter legte die Hand auf sein klopfendes Herz und sagte zu sich: Die gehört nun mir, durch Wort und Kuß mir verbunden. Da habe ich nun endlich gefunden, was ich so lange gesucht habe, ein Menschenkind, das mich liebhat, das mit mir gehen will, all den Zielen entgegen, von denen ich so lange geträumt habe. Und wie an jenem ersten Abend in Wehlingen, als er von seiner Dachstube Besitz ergriff, so kam auch jetzt wieder, wo er ein viel größeres Gut errungen hatte, ein heißes, tiefes Dankgefühl über ihn. Die Blüten der Laube dufteten stark und süß, Nachtschmetterlinge flatterten und surrten zwischen den Blättern, und drinnen saß ein junges Menschenkind mit gefaltet um die Knie geschlungenen Händen vor dem Schöpfer seines Lebens, wortlosen Dankes und tiefen Glückes voll. —

Hinter dem zugezogenen Fenster und niedergelassenen Vorhang war der Lichtschein längst erloschen, als Peter endlich aufstand und dem Hause zuschritt. Nachdem er leise den Schlüssel hinter sich umgedreht hatte, zog er die Stiefel aus und schlich auf Socken die Treppe zu seiner Dachkammer hinauf.

Am andern Morgen in der ersten Unterrichtsstunde wiederholte er mit den Kindern biblische Geschichten. Ein Junge erzählte, wie Jakob des Nachts von der Himmelsleiter träumte. Wie träumend schaute Peter zum Fenster hinaus. »Setz dich,« sagte er dann mechanisch, »Stina Blom, fahre fort!« Stina Blom war das feinste, zarteste Kind der Schule, und die erzählte nun in ihrer stillen, feinen Art: »Als er noch mit den Hirten redete, kam Rahel mit den Schafen ihres Vaters. Und er wälzte den Stein von dem Loch des Brunnens und tränkte ihre Schafe; und küssete Rahel und weinte laut. Und Jakob blieb bei Laban und dienete ihm. Und nach einem Mond sagte Laban: Du sollst mir nicht umsonst dienen. Sage an, was soll dein Lohn sein. Laban aber hatte zwo Töchter: die älteste hieß Lea, und die jüngste Rahel. Aber Lea hatte ein blödes Gesicht, Rahel war hübsch und schön. Und Jakob gewann die Rahel lieb, und sprach: Ich will dir sieben Jahr um Rahel, deine jüngste Tochter dienen. Laban antwortete: Es ist besser, ich gebe sie dir, denn einem andern; bleibe bei mir. Also dienete Jakob um Rahel sieben Jahre, und deuchten ihn, als wären's einzelne Tage, so lieb hatte er sie.«

»Halt!« rief Peter, »bis dahin. Das hast du wunderschön erzählt, Stina, setz dich!« »Also dienete,« wiederholte er langsam, »Jakob um Rahel ... sieben Jahre, und deuchten ihn, als wären's einzelne Tage, ... so lieb hatte er sie ... Ja ja, das war gut, Stina. Also warum kamen die sieben Jahre Jakob so kurz vor, Stina?«

Stina stand wieder auf und sagte: »Weil er Rahel so schrecklich liebhatte.«