Er beugte sich über seinen Teller und aß, gierig und hastig, fast wie ein ausgehungertes Tier. Seit vierundzwanzig Stunden hatte er ja gefastet.

Da sagte Mariens Mutter: »Es ist schade, daß du diese Nacht nicht etwas eher wiedergekommen bist. Unsere Selige fragte nach dir.«

Peter sah die Frau an. Es war das erstemal, daß er einen der Tischgenossen ansah. »Nach mir?« fragte er. In seiner Stimme war ein leises Zittern.

»Ja, zweimal. Sie wollte dir auch Adieu sagen.«

Peter fühlte, daß sich in ihm etwas lösen wollte. Er konnte nicht weiteressen. Aber mit großer Selbstbeherrschung drängte er die Bewegung, die ihn übermannen wollte, zurück.

Als sie vom Tisch aufstanden, fragte die alte Schulmeisterin, ob er die Tote sehen wollte. Sie sähe so schön und friedlich aus, als wenn sie schliefe und jeden Augenblick aufwachen könnte. Peter fühlte ein Würgen im Halse und stieß ein rauhes »Nein!« heraus. Dann ging er schnell hinaus.

Mariens Vater sah ihm kopfschüttelnd nach und sagte: »Ein merkwürdiger Mensch. Scheint sehr wenig Gemüt zu haben.«

»Och ja,« sagte der Schulmeister, »was soll man von so einem verlangen? Der Vater ist ein Säufer.«

Peter war inzwischen auf seine Dachstube gegangen. Er fühlte, daß er nicht nachdenken und zu sich kommen durfte. So nahm er ein Rechenbuch und zwang sich, Rechenaufgaben zu lösen. Er wählte die schwierigsten, die er finden konnte. Wo er die richtige Lösung nicht gleich fand, rechnete er die Aufgabe ein zweites und ein drittes Mal. Als sein Geist dieser Arbeit müde war, nahm er das Lesebuch und begann zu lesen. Den Sinn der Sätze faßte er nicht, und wollte es auch nicht. Es kam ihm nur darauf an, durch das mechanische Wiedererkennen der Buchstaben eine Stunde zu überwinden. Zuletzt schlug er ein Schreibheft auf und malte einmal über das andere die Worte: »Aller Anfang ist schwer.« Sorgfältig zog er Haarstrich um Grundstrich, Haarstrich um Grundstrich. So gelang es ihm, sein Empfindungsleben fast ganz auszuschalten und den Tag hinzubringen. Er bedurfte dazu seiner ganzen Willenskraft. Aber er fühlte deutlich, wenn er seinen Empfindungen nachgäbe, so würde er zusammenbrechen, so wäre sein Verstand in Gefahr.

Gleich nach dem Abendessen, bei dem die Familie ihn nicht wieder ins Gespräch zog, ging er zu Bett und zwang sich von tausend an abwärts zu zählen. Es gelang ihm wirklich, einzuschlafen.