Als er aufwachte, war es dunkle Nacht, und die Uhr in der Wohnstube unter ihm schlug zwölf. Der Schlaf hatte ihn gestärkt. Seine Nerven hatten einige Widerstandskraft wiedererlangt, er durfte es wagen, an sie zu denken. Da faßte ihn auf einmal eine unendliche Sehnsucht, sie zu sehen. Er vertröstete sich auf den kommenden Tag, aber das heiße Verlangen seines Herzens ließ sich nicht abweisen. Zweimal hatte er ihm Schweigen geboten. Als es aber den dritten Angriff auf seine Willenskraft machte, da gab er nach. Er stand auf, kleidete sich leicht an, nahm das brennende Licht in die Hand und trat mit bloßen Füßen aus seiner Kammer. Oben an der Treppe blieb er stehen und horchte angespannt ins Haus hinab. Er hörte nichts als das Klopfen seines Herzens. Da stieg er vorsichtig hinab, die unsicheren Stufen, die am lautesten zu knarren pflegten, meidend. Unten an der Treppe lauschte er noch einmal. Kein Ton als das Ticken der Uhr in der Wohnstube. Da ging er weiter, das Licht mit der Linken schirmend. Nun stand er vor ihrer Kammertür. Er stellte das Licht auf die Erde und faßte den Drücker mit beiden Händen, um jedes Geräusch zu dämpfen. Die Tür wich lautlos, er trat ein, zog das Licht nach sich und schloß die Tür so leise, wie er sie geöffnet hatte. Dann erst wandte er sich um. Da stand das Bett, von einem weißen Leintuch überspannt. Mit leise zitternder Hand hob er die Hülle, die sein Liebstes barg. Und nun lag die Geliebte vor ihm, das Haupt leicht zur Seite geneigt, im Haar eine welkende Rosenknospe, die Hände über einem Kreuz auf dem weißen Totenhemd gefaltet. Da löste sich die Erstarrung, die seit vierundzwanzig Stunden auf seiner Seele gelegen hatte, in heißen Tränen, und er mußte sich mit Gewalt bezwingen, daß er nicht laut schluchzte. Aber dem Lauf der Tränen wehrte er nicht.
Plötzlich fuhr er auf und horchte. In der benachbarten Kammer hatte sich etwas geregt. Der Schein des Lichtes konnte ihn verraten, und schnell drückte er es aus. Und nun war er in der dunklen Kammer mit seinem toten Lieb allein. Er umklammerte mit seinen fiebernden Händen über ihren kalten Händen das Kreuz, er beugte sich nieder und küßte sie, auf die Stirn, die Augen und den Mund. Er fühlte die Kälte des Todes nicht. Er fühlte nichts als die heiße, heiße Liebe, die sein ganzes Wesen mit der Geliebten verband. Dann deckte er sie sorgfältig wieder zu, nahm die Kerze und schlich im Dunkeln in sein Dachstübchen hinauf.
Als er wieder in seinem Bette lag, faltete er die Hände über der Brust. Nicht um zu beten. An Gott dachte er mit keinem leisen Gedanken. Aber er hatte ein so dankbares Gefühl in seinem Herzen, daß die Todesstarre, die so lange seine Seele zusammengepreßt hatte, von ihm genommen war, daß er wieder weinen, fühlen und lieben konnte. Wenn aber ein Gefühl froher Dankbarkeit sein Herz durchwärmte, dann mußte er die Hände falten, der gute Peter. — —
Auf der Diele des Schulhauses war über drei Stühlen der Sarg aufgebahrt. Zu Häupten und zu Füßen brannten Lichter, die in einem leisen Zugwind flackerten. Einige Tannenkränze lehnten umher.
Nach und nach fand sich das Trauergefolge ein. Die Lehrer der Nachbarschaft und die großen Bauern wurden in die Stube genötigt, tranken Kaffee oder Grog, nach eigener Wahl, aßen Kuchen. Die kleinen Leute standen auf dem Vorplatz und der Diele umher und ließen die Flasche kreisen. In einer Ecke der Diele hockten die Singjungens um eine Truhe und aßen schwatzend die ihnen als Sangeslohn zukommenden Stuten. Zwei Ziegen streckten die langen Bärte aus ihrem Stall heraus und sahen neugierig zu. Die Hühner, die man nicht vom Wiemen heruntergelassen hatte, gaben ihren Unwillen durch Scharren kund. Eine Henne verkündete gackernd, daß sie ein Ei gelegt hatte.
Peter kam erst von seiner Dachstube herab, als sie angefangen hatten zu singen. Die Jungens sangen mit schrillen Stimmen: Alle Menschen müssen sterben, alles Fleisch vergeht wie Heu, und musterten inzwischen, da sie die Verse auswendig konnten, die fremden Schulmeister. Dann las Schulmeister Wenckes nächster Nachbar mit halb singender, halb weinerlicher Stimme den neunzigsten Psalm und sprach ein Vaterunser. Nachdem dann die Kinder noch einmal gesungen hatten, traten die Träger herzu, entfernten die Lichter vom Sarge, trugen ihn hinaus und hoben ihn auf den vor dem Tor wartenden, im Grunde mit Stroh bedeckten Leiterwagen. Dann stiegen an einer Leiter die Frauen der nächsten Verwandtschaft hinauf und nahmen tief verhüllt vor und hinter dem Sarge Platz. Der Fuhrmann ergriff das Handpferd am Zügel und ließ anziehen. Da lüfteten die Männer ihre Mützen, und hinter dem Wagen ordnete sich das Gefolge; die Familie voran, die befreundeten Lehrer, die Dorfleute.
Der Leichenzug folgte nicht dem nächsten und gebräuchlichsten Wege nach dem Kirchdorfe; denn alter Volksglaube ließ nicht zu, daß die Toten denselben Weg nähmen mit den Lebendigen. Er zog durch eine Talsenkung, die von dem Zug der Toten seit alters den Namen »Totengrund« führte. Die Wagengeleise waren von blühender Heide überwuchert; denn es war diesen Sommer nur ein Toter dieses Weges gefahren.
An der Grenze der Wehlinger Gemarkung wurde ein Strohbündel unter dem Sarge hervorgezogen und hinter dem Wagen quer über die Spur geworfen. Das sollte den Geist der Toten hindern, in die alte Behausung zurückzukehren und die Lebenden zu schrecken. Das Gefolge wich vor dem Bündel behutsam rechts und links aus.
Peter ging zuerst bei den Lehrern. Da begann ein alter Schulmeister Fragen an ihn zu stellen: Wann er aufs Seminar wollte? Wie alt er wäre? Für welche Fächer er sich besonders interessierte? Nach welchen Büchern er arbeitete? Peter gab kurz Antwort, benutzte aber einen Augenblick, als der Ausfrager mit seinem Nachbarn auf der andern Seite sprach, ein wenig zurückzubleiben.