Nun war er unter den Bauern. Diese hatten ihre kurzen Pfeifen in Brand gesteckt und sprachen über den vor wenigen Tagen im Flecken abgehaltenen Viehmarkt.

Peter blieb noch weiter zurück und folgte bald dem Zuge als letzter. Aber mit seinen Gedanken und Gefühlen war er ihr, die jetzt ihre letzte Straße zog, von allen wohl am nächsten.

Vor ihm wand sich der lange schwarze Zug durch die vollerblühte Heide. So weit der Blick reichte, ein Meer roter Blüten. Und darin das Gesumm und Geschwirr der Immen, die überall, im Totengrund wie auf den luftigen Höhen, ihre süße Weide fanden.

Als die Spitze des Zuges das Kirchdorf erreichte, läuteten die Glocken. Die große tief und regelmäßig, die kleine, von einem Kinde schlecht geläutet, unruhig und aufgeregt dazwischen. Vor dem Kirchhofstor stockte der Zug. Nach einer Minute setzte er sich unter Kindergesang wieder in Bewegung. Nachdem er sich nach alter Sitte um die Kirche bewegt hatte, hielt er aufs neue, der Gesang verstummte mit einer langgezogenen Schlußnote des Küsters, das Geläut mit einem letzten Nachklang der kleinen Glocke. Peter hielt sich im Hintergrunde, hatte die Augen geschlossen und hörte nur wie aus weiter Ferne, was da vorne vor sich ging: das Schurren der Taue, die liturgischen Formeln, das hohle Aufschlagen der Schollen, das wieder einsetzende Singen und Glockengeläut ... Als er aufblickte, sah er die Augen des Totengräbers fragend auf sich gerichtet. Da wurde er mit Schrecken gewahr, daß die andern sich bereits alle vom Grabe abgewandt hatten. Hastig drehte er sich um und folgte ihnen in die nahe Kirche. Hier setzte er sich im Rücken der Gemeinde hinter einen Pfeiler. Er war froh, einen Platz gefunden zu haben, wo ihn niemand sehen konnte, und er selbst auch keinen Menschen sah.

Peter war nicht gekommen, um sich trösten zu lassen. Er hatte ja in den vergangenen glücklichen Zeiten sein Glück allein, heimlich vor allen Menschen, getragen, und wußte, sein Leid würde er erst recht ganz allein und einsam tragen müssen. Und das wollte er auch. Kein Mensch konnte und sollte ihm davon das Geringste abnehmen.

So hörte er denn auch kaum hin, wie der Pastor die Eltern und Großeltern tröstete, wie er ein blaß gehaltenes Bild der in der Blüte geknickten lieblichen Jungfrau entwarf. Was ging ihn das alles an? Was konnte der Pastor von der Toten wissen, die nur ein Vierteljahr seiner großen und zerstreuten Gemeinde angehört hatte, mit der er wohl nie ein Wort gewechselt hatte? —

Aber plötzlich traf ein Wort von der Kanzel sein Ohr, das ihn aufmerken ließ. Der Pastor hatte von einem goldenen Tor geredet. Wie kam der Mann dazu, von etwas zu reden, was zwischen ihr, deren Mund nun geschlossen war, und ihm heiligstes Geheimnis war? Und nun horchte er mit angehaltenem Atem. »Die Entschlafene,« so führte der Geistliche aus, »hat sich in ihren Fieberträumen immer wieder mit einem goldenen Tore beschäftigt, so ist mir gesagt worden. Und dann hat sie mit einem Begleiter gesprochen, der an ihrer Seite dem goldenen Tore zugewandert ist. Was, meint ihr, liebe Christen, ist das für ein Wandergenosse gewesen? Ich zweifle nicht daran, es war ein heiliger Engel, den Gott der Herr ihr zum Geleite gegeben, um sie aus dem dunklen Tal der Todesschatten durch das goldene Tor hinaufzuführen in das Land des ewigen Lichts.«

Durch die Gemeinde ging ein lautes Schluchzen.

Wenn einer hinter den Pfeiler geblickt hätte, und er hätte die rechten Augen gehabt, so würde er da ein Menschenantlitz gesehen haben, das für einen Augenblick von tiefinnerer Seligkeit durchleuchtet war. Und vielleicht hätte er da an ein Engelsantlitz denken müssen. —

Die Trauerfeier war beendet. Die Verwandten traten noch einmal an das Grab, die andern kehrten nach der Sitte zu kurzer Rast in dem nahen Wirtshause ein. Peter aber machte sich sofort auf den Heimweg. Er mußte allein sein.