Langsam ging er über die weite, stille, blühende Heide, und dachte mit stiller, tiefer Wehmut der glücklichen Zeiten. Er hatte das Gefühl, als ob sie weit, weit hinter ihm lägen. Und doch lagen nur drei Tage dazwischen. Aber was für Tage! ... Und wie lange war es her, daß er an ihrer Seite den Weg gegangen war? Es waren fünf Wochen. Da wurde er auf einmal zweifelhaft. War er nicht zweimal mit ihr diesen Weg gewandert? Einmal am letzten Sonntagabend vor den Ferien. Dessen erinnerte er sich ganz deutlich. Da hatte er ihr ja die Geschichte vom goldenen Tore erzählt, und sie hatten sich versprochen, von nun an Wandergenossen zu bleiben. Aber es war ihm, als müßte er noch ein zweites Mal mit ihr dieses Weges gegangen sein ... Allmählich dämmerte ihm herauf, was er vor drei Tagen, in jenem merkwürdigen Zustande jenseits der Schwelle des wachen Bewußtseins, auf diesem Wege erlebt hatte. Er hatte sich dieses Erlebnisses seither nicht erinnert, wohl deshalb, weil es in Regionen des Unterbewußtseins vor sich gegangen war, die dem vom Willen abhängigen Sicherinnern nicht zugänglich sind. Jetzt, an dem Orte, wo es ihm begegnet war, bei dem lebhaften und innigen Denken an jene erste Wanderung, kam es herauf, traumhaft verschleiert ... Hatte er sie da nicht an seiner Seite schweben sehen? ... In langem, weißem Kleide? ... schnell und immer schneller dem goldenen Tore zu? ... Das mußte um die Stunde ihres letzten Kampfes gewesen sein ... Also um dieselbe Stunde, da sie, wie die Verwandten dem Pastor berichtet hatten, das goldene Tor offen und den Wandergefährten an ihrer Seite gesehen hatte ... Wunderbar ... Während sie mit dem Tode ringend auf ihrem Bette lag, und während er zerschlagen und seiner selbst nicht mächtig über die Heide ging, hatte da zwischen ihren Seelen ein geheimnisvoller Verkehr stattgefunden? ... Hatten die einander geschaut, gegrüßt, aneinander Geleit und Halt und Freude gefunden? ... War das denkbar? ... Denkbar wohl nicht ... aber vielleicht trotzdem Wahrheit ... Je länger er darüber nachsann oder vielmehr -fühlte, um so gewisser wurde es ihm. Dann aber war es ja sicher, daß ihre Liebe nicht an das leibliche Beieinander gebunden war ... daß sie Weggenossen bleiben konnten, auch wenn sie ihm vorausgeeilt war ... Und hatte sie nicht auch, ehe sie in dem goldenen Tore verschwand, auf den Weg, der deutlich vor ihm lag, gewiesen und ihm gewinkt? ... um ihm zu zeigen, daß sie denselben Weg hatten und zusammengehörten? ...

Er dachte an seine Mutter. Die hatte ihm, obgleich sie so früh hinweggerissen war, durch die ganze Kindheit das Geleit gegeben. Ganz gewiß, dann konnte auch die jetzt ihm entrissene, aber durch die engsten Seelenbande ihm verbundene Weggefährtin seine Weggefährtin bleiben, das Stück Weges, das er noch vor sich hatte. Vielleicht war dieses ja auch gar nicht so lang, wie er ihr das vor fünf Wochen in seinem jungen, frohen Lebensmut ausgemalt hatte. Vielleicht mußte er in Beziehung auf das goldene Tor noch einmal umlernen. Am Ende hatte sie doch recht gehabt, als sie damals, wohl vorahnend, sagte: »Aber Peter, wenn wir in das goldene Tor hineinwollen, dann müssen wir ja vorher — sterben.« Damals war er darüber erschrocken und hatte das Sterben ganz ans Ende gesetzt, nach all dem Großen und Schönen, das er vorher erreichen wollte. Aber wenn es früher käme, wäre denn das so schlimm? ... Und vielleicht kam's ja auch so. Er dachte an die Besorgnis seines Vaters, daß er, Peter, zu viel von der Mutter geerbt haben möchte und in keiner guten Haut steckte. Und der dumpfe Schmerz in seiner Brust war ja seit jenem rasenden Laufen nach dem Arzt immer noch nicht ganz gewichen ...

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er dachte wieder an die Begräbnispredigt. Was? Er, der Schulmeister Peter Eggers, ein Engel? Das war wirklich zum Lachen. Aber plötzlich wurde sein Gesicht wieder ernst. Ja, sie, wie sie da in weißem, wallendem Kleide neben ihm schwebte, wie sie am Ziel das von innen durchleuchtete Antlitz nach ihm zurückwandte, sie hatte wie ein Engel ausgesehen. Und war sie überhaupt nicht in sein armes, einsames, dumpfes Leben wie ein Engel aus einer andern Welt hineingetreten? Hatte er nicht eines Abends in duftender Jelängerjelieberlaube gesessen und Gott gedankt, daß er sie ihm gegeben? ...

Gefaßt und getröstet langte Peter am Schulhause an. Als er aber eintrat und auf der Diele die drei Stühle sah, die den Sarg getragen hatten, und als sein Blick in ihre offene Kammer fiel, in der eben die einhütende Nachbarsfrau Ordnung schaffte, da übermannte ihn der Schmerz aufs neue. Er hielt die Hand vors Gesicht, eilte die Treppe hinauf und warf sich auf sein Bett.

Die Nachbarsfrau hatte es auch übernommen, für die von der Beerdigung Zurückkehrenden den Kaffee zu kochen. Als sie sah, daß Peter zurück war, goß die gute Seele ihm vorab eine Tasse auf, legte ein Stück Butterkuchen auf den Rand und trug's ihm hinauf. Sie fand den jungen Schulmeister auf dem Bette liegend, den Kopf in die Kissen vergraben.

Da faßte sie ihn mütterlich am Arm, schüttelte ihn und sagte: »He! Wat fehlt em? Is he krank?«

Peter flog erschrocken in die Höhe und sah die Frau hohläugig und verstört an.

»Hier hett he'n Tass' Kaffee ... Wat? He hett weent? Achjajija, dat junge söte Lewen« — die Frau führte mit der freien Hand die Schürze an die Augen — »in düsse Johren, wenn eene so väl köst[8] hett und just to bruken is, huhuhu. Aber se is ja den besten Weg, huhu. Nu drink he man. So'n Tass' Kaffee helpt den Menschen wedder up.«

Peter nahm die Tasse und setzte sich auf seinen Stuhl. Die Frau stand neben ihm, hatte die Schürze wieder fallen lassen und die Hände in die Seiten gestemmt.

»Hett se 'ne schöne Liekenred' krägen?« fragte sie.