»Och ja,« sagte Peter.

»Wat for'n Text?«

»Text? ... de Text? ... Mewsmudder, dat weet ich würklich nicht.«

»Wat? 'n Scholmester, und denn so vergätern?« sagte Mewsmutter verwundert. »Ick hew noch alle Liekentexte von mine Fründschap in'n Kopp.« Und nun zählte sie ihm die der letzten zwanzig Jahre auf, gab auch bei mehreren einige Gedanken aus der über sie gehaltenen Rede wieder. Dabei weinte sie noch einmal über die Verluste und ließ sich noch einmal von all den schönen Texten trösten. Zuletzt wischte sie sich mit der Schürze die Augen, schnaubte sich in derselben gründlich aus, nahm die leere Tasse und ging wieder an ihre Arbeit.

Peter sah ihr kopfschüttelnd nach. Wie waren solche Leute zu beneiden! Die weinten ihre Tränen, backten Butterkuchen, hörten eine schöne Leichenpredigt, kochten Kaffee und gingen wieder an ihre Arbeit.

Und gingen wieder an ihre Arbeit. Ja, und das tat Peter am andern Morgen auch. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Denn die kleinen Wehlinger Jungens und Deerns wollten darum doch lesen und schreiben und rechnen lernen, wenn Peter auch ein wehes, zerrissenes Herz hatte. Sie stellten sich am nächsten Morgen wieder vollzählig ein. Auf dem Schulhofe waren sie wohl etwas stiller als sonst. Aber ihr Morgenlied sangen sie mit kräftigen Stimmen, und die beiden Lehrer hatten alle Hände voll zu tun. Denn die Jugend hatte beim Heu viel verschwitzt und war durch die lange Freiheit des Stillsitzens auf den Schulbänken entwöhnt.

Am Mittagstisch sagte der Schulmeister, indem er sich ein wenig reckte: »Wie ist das gut, daß wir endlich so weit sind! So etwas bringt immer viel Aufregung mit sich, und die ist nichts für alte Leute. Gott sei Dank, daß nun alles wieder im alten Geleise ist.«

Ja, alles wieder im alten Geleise. Auch den leergewordenen Platz am Tische fand Peter nach drei Tagen wieder besetzt. Beim Familienkaffee nach der Beerdigung war die Verabredung getroffen, daß der Schulmeistersleute ältester Sohn seine älteste Tochter der schwächlichen Mutter zur Hilfe im Haushalt schicken sollte. Diese hieß auch Marie, und war ein munteres, quickes, junges Ding mit lebenshungrigen Augen und runden Gliedern.

Die neue Marie langweilte sich bald bei den grämlichen Alten und suchte Zeitvertreib bei Peter. Wenn die beiden, durch eine Wiederholung der Rede des Schulmeisters vom Zeitvertrödeln und von der Unschicklichkeit getrennt, im Garten Sommerarbeit taten, war sie alle Viertelstunden bei ihm und hatte bald dies zu fragen und bald das zu schwatzen. Das »Es schickt sich nicht für so'n großes Mädchen« des Schulmeisters war für sie nicht da. Peter hörte ihrem munteren Geplauder ganz gern zu, und da ihre in das dumpfe Schulhaus eingezwängte Lebenslust ihn dauerte, so war er immer freundlich gegen sie und zwang sich, auf ihre Interessen einzugehen, auch wenn ihm danach nicht gerade zumute war. Aber das genügte ihr nicht. Und als sie merkte, daß sie ihm durch Äugeln und andere Kunststückchen nicht mehr abgewinnen konnte, versuchte sie's mit einem Bauernsohn auf der Nachbarschaft, wo sie mehr Glück hatte. Sie ist dann nach einem guten Jahre aus dem grämlichen Schulhause als Herrin auf den schönen Bauernhof übergesiedelt und eine kleine dicke, fröhliche, tüchtige Bauerfrau geworden.

Eines Nachmittags gegen Ende September, als Peter Birnen pflückte, kam sie angetänzelt und bat ihn, ihr bei dem Ausziehen der Bohnenstangen zu helfen. Das trockene Kraut hätte sie schon zum größten Teil heruntergerissen. Aber die Querstangen lägen ihr zu hoch. Da könnte ein so kurzes End wie sie nicht heranreichen. Peter verbarg sein Gesicht hinter einem Birnenast und sagte: »Marie, das laß nur. Das will ich wohl gegen Abend allein besorgen.« »Du bist zu nett, Peter,« sagte sie erfreut, »dann kann ich ja gleich hingehen und mich hübsch machen. Aber vorher schmeiß mir eine süße, gelbe Birne herunter!« Peter erfüllte ihren Wunsch, und sie ging, herzhaft die Zähne in die Frucht schlagend, davon.