Am Abend, als der müde Herbstsonnenschein auf dem Garten lag, machte Peter sich daran, das Werk des leuchtenden Mainachmittags niederzulegen. Er zog Mariens Schleifen auf und löste seine Knoten. Dann zog er die fest in der Erde steckenden Stangen heraus, erst seine Reihe, dann ihre. Als sie alle auf dem Haufen lagen, setzte er sich darauf und hielt den Kopf in die Hände gestützt. So saß er eine ganze Weile. Dann stand er auf und begann, die Stangen ins Haus, zu tragen. Einst hatte er je acht mit spielender Leichtigkeit auf die Schultern genommen. Jetzt ging er schon unter der Last von sechsen gebückt und mühsam.
Als er zum letztenmal zum Felde gehen wollte, um die letzte Tracht zu holen, begegnete ihm Marie auf dem Gartenwege. Sie sah ihn groß an und rief: »Mensch, wie siehst du aus! Fehlt dir was?«
»Ich bin müde,« sagte Peter tonlos.
»Die Stangen sind wohl schwer?«
»Ja ...«
Diese Arbeit war die letzte, die Peter für die Wehlinger Schulmeistersleute tat. Am Tage darauf zog er in die Herbstferien. Den Winter sollte er auf dem Seminar zubringen.
Auf jener Höhe, von der er an jenem Vorfrühlingsabend zuerst das Tal und das Dorf erblickt hatte, blieb er stehen und schaute lange zurück. Er lehnte sich an eine junge Birke, und diese ließ einige vor der Zeit gestorbene gelbe Blätter an ihm hinab zur Erde wirbeln. Auf der Heide ringsum lag das braune Blühen des Herbstes. Keine Imme summte mehr nach Honig; kein blauer Schmetterling gaukelte über den toten Blüten. Nur eine Grille zirpte müde und leise, und in der Ferne rief der Regenpfeifer sein langgezogenes Tühttüht.
Dem Einsamen auf der Höhe lief ein Frieren über den Rücken. Noch einen Blick tat er in das verlassene Tal, dann fuhr er sich mit der Hand über die Augen und wandte sich langsam zum Gehen.
Ein halbes Jahr nur nahm die Ausbildung der jungen Schulmeister auf dem Seminar in Anspruch. Selbstverständlich genügte diese Zeit nicht, um das Wissen wesentlich zu erweitern oder gar die Bildung zu vertiefen. Sie diente vielmehr in der Hauptsache dazu, dem Schulwesen des Landes eine gewisse Einheitlichkeit zu geben. Manche der alten Schulmeister, die der Anzucht des Nachwuchses oblagen, gaben ihren Zöglingen allerhand persönliche Liebhabereien und Wunderlichkeiten mit, selbsterfundene Schnörkel an den Buchstaben, Rechenmethoden eigenen Gewächses, theologisierende Privatmeinungen in der Religion und ähnliches. Das alles wurde in dem halben Seminarjahre heruntergehobelt, und dann wurden die jungen Leute als fertige und selbständige Schulmeister wieder auf die Dörfer geschickt. Da mochten sie sich denn entwickeln, wie ihre Anlagen und die Verhältnisse es mit sich brachten. Die einen wurden richtige Bauern, denen die Landwirtschaft obenan stand und die Arbeit in der Schule Nebensache war. Andere wuchsen sich zu wunderlichen Pedanten oder Originalen aus, wie sie in den Witzblättern noch heutigen Tages herumspuken. Aber viele wurden auch tüchtige Menschen, die in der Schule wie in der Dorfgemeinde, wie in der eigenen Haus- und Ackerwirtschaft voll ihren Mann standen, das Nötigste die Jugend lehrten und im übrigen durch Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit Jungen wie Alten ein Vorbild waren. Manches Dorf in stiller Heide hat wohl noch heute viel von dem Besten seiner Eigenart der Saat zu verdanken, die vor fünfzig oder mehr Jahren so ein schlichter, frommer, tüchtiger Mensch mit wenig Kunst und treuem Herzen ausgesät hat.
Peters Lebensschiff begehrte ja damals, als der volle Wind in seinen Segeln stand, nach ferneren Zielen als nach der nächsten besten weltverlorenen Nebenschulmeisterei. Seit es aber im Sturm Mast und Segel verloren hatte, war es mit dem nächsten kleinen Hafen zufrieden.