»Was? Schwer?« fragte der andere verwundert. »Absolut nicht schwer. Man muß nur seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen. Dann ist alles ganz klar. Daß ein höheres Wesen diese wunderschöne Welt geschaffen haben muß, daß wir Menschen ohne Tugend nicht menschenwürdig leben können, und daß für die vielen Ungerechtigkeiten dieses Lebens einmal eine ausgleichende Gerechtigkeit eintreten muß, das werden Sie doch nicht leugnen wollen?«

»Gewiß nicht, Herr Superintendent, ich will gar nichts leugnen,« sagte Peter.

»Es freut mich wirklich,« nahm der andere wieder das Wort, »erst einmal die Gewißheit zu haben, daß Sie kein Pietist sind. Einen solchen könnte ich in Solten auch nicht gebrauchen. Die Verhältnisse sind nämlich in dieser Beziehung dort etwas verwickelt. Freilich, der Kern der Bevölkerung besteht aus vernünftigen Leuten. Die Tätigkeit meines Amtsvorgängers, und meine eigene — das darf ich in aller Bescheidenheit sagen — haben in der Gemeinde sehr aufklärend gewirkt und die alten verstaubten Spinngewebe zum größten Teil aus den Köpfen herausgebracht. Nun ist aber gerade in Solten mir vor einer Reihe von Jahren der Wolf in die Herde gebrochen. Ein fremder Schuster, aus der Rheingegend zugewandert, ist dort hängengeblieben und hat sich eine Anbauerstelle erheiratet. Der hält wenig auf die Kirche, ist ein echter Pietist und Okkultist, und sucht in Solten Anhang zu gewinnen. Und, wie ich leider sagen muß, nicht ganz ohne Erfolg. Es gibt ja immer urteilslose Menschen, die so einem nachlaufen. Ich hoffe nun, daß Sie dort dem verderblichen Treiben dieses Mannes entgegenarbeiten und nicht nur in der Schule, sondern auch außerhalb derselben aufklärend wirken werden ... Übrigens, ich habe gleich von vornherein die besten Hoffnungen auf Sie gesetzt. Unser alter prächtiger Claus Mattens, der Sie neulich in der Eisenbahn für uns eingefangen hat, hat mir erzählt, wie Sie da im Zuge frank und frei Ihre Geige aus dem Kasten genommen und eins nach dem anderen gefiedelt haben. Solche frischen, lustigen jungen Leute, die das Leben genießen, natürlich in Züchten und Ehren, die habe ich für mein Leben gern. Denn ich bin auch einmal jung gewesen. Da dachte ich gleich: Der ist kein Kopfhänger, und heute habe ich ja darüber Gewißheit bekommen. Na, wie denken Sie sich denn einzurichten?«

»Das weiß ich noch nicht genau,« sagte Peter. »Meine Eltern denken halb und halb daran, mit mir zu ziehen.«

»Ach du meine Güte! Aber das Schulhaus hat ja nur eine einzige Stube außer dem Schulzimmer, und Sie haben Reihetisch bei den Bauern.«

»Soo?«

»Ja, hat Ihnen das denn der alte Claus Mattens nicht gesagt?«

»Nein.«

»Und Sie haben sich danach nicht erkundigt?«

»Nein, dazu war keine Zeit; ich mußte aussteigen.«