Der Pastor war einer jener gutmütigen Menschen, die des Lebens harte und häßliche Wirklichkeit nicht sehen und allen ihren Mitmenschen das Beste zutrauen. Herzbeweglich schilderte er die ungezählten und unverdienten Wohltaten, die jene Eltern dort im Schiff der Kirche an diesen ihren Kindern um den Altar im Leiblichen und im Geistlichen getan hätten. Sie hätten für sie gearbeitet, gewacht, gesorgt, gehungert, gebetet, hätten den Trieb zur Tugend in die jungen Seelen gepflanzt, wären mit gutem Beispiel vorangegangen usw. Da weinten die Mütter reichliche Tränen der Rührung über ihre so lebhaft und öffentlich anerkannte Gutheit, und ihre Tränentüchlein gingen eifrig zwischen Schoß und Augen hin und her. Zur Ehre von Trina Eggers muß aber gesagt werden, daß ihr Tuch auf dem Gesangbuch liegenblieb, und daß sie bei dieser Schilderung sich aufopfernder Mutterliebe ein leises Unbehagen empfand.

Peter dachte währenddessen nur an seine rechte Mutter. Er hatte ja seinen Konfirmandenanzug als einen Beweis ihrer treuen Fürsorge vor Augen, und zweifelte nicht daran, sie würde, wenn sie bei ihm geblieben wäre, alles das an ihm getan haben, was der Pastor, mit seinem starken Glauben an die Menschen, den Vätern und Müttern seiner Gemeinde insgesamt zutraute.

Als der Gottesdienst beendigt war, ging Trina Eggers in einen Bäckerladen und kaufte für fünf Silbergroschen Butterkuchen. Bei den letzten Häusern des Dorfes langte sie in die Tüte, sagte: »Da!« und reichte Peter ein tüchtiges Stück. Und zu Hause, als sie den Kuchen unter ihre Kinder verteilte, bekam er noch einmal eins, und zwar das größte, auf dem noch dazu der Zuckerguß sich am besten gehalten hatte. Die Stiefgeschwister machten neidische Gesichter, und der Siebenjährige heulte über die mütterliche Ungerechtigkeit. Aber von Peter bekam Trina einen dankbaren Blick, und den kleinen unbequemen Stachel, den die Konfirmationsrede doch in ihr zurückgelassen hatte, war sie glücklich wieder los.

Daß Peter Schulmeister werden sollte, dabei war es geblieben, obgleich Trina seit jener Nacht wieder die Oberhand hatte. Der Pastor hatte, nachdem Harm Eggers seine väterliche Zustimmung gegeben, gleich das Nötige in die Wege geleitet. Ein älterer Schulmeister der Nachbargemeinde Olendorf, Wencke in Wehlingen, der etwas schwächlich war und eine große Schule hatte, war bereit, Peter nach den Osterferien in sein Haus aufzunehmen und ihn die Schulmeisterei zu lehren. Präparandenanstalten gab's noch nicht, für die große Masse der Landlehrer beschränkte sich der Seminarbesuch auf ein halbes Jahr und fand erst statt, nachdem die jungen Leute einige Jahre praktisch mit ihren Konfirmandenkenntnissen in der Schule gearbeitet hatten. Die Schul- und Lehrerverhältnisse waren also von den heutigen, sehr fortgeschrittenen, himmelweit verschieden. Deshalb wollen wir in dieser Geschichte unserm guten Peter, seinem Lehrmeister und seinen Kollegen auch getrost den heute außer Gebrauch gekommenen und verpönten Titel »Schulmeister« geben. So nannten sie sich selbst, so nannten die Leute sie, und so schrieb der Pastor ins Kirchenbuch. Der Titel »Lehrer« klingt für diese Leutchen, bei denen die Großeltern des heutigen Geschlechts den Landeskatechismus, das Einmaleins und ein wenig Lesen und Schreiben lernten, zu feierlich und anspruchsvoll.

Am Tage nach Ostern ging Peter nach Steinbeck, um seinem Pastor einen Abschiedsbesuch zu machen. Stolz schritt er in seinem Konfirmandenrock durch die Straßen des Kirchdorfs. Wenn ihm Leute begegneten, suchte er auf ihren Gesichtern zu lesen, ob sie ihn, der vor zwei Wochen in der Konfirmandenprüfung vor der ganzen Gemeinde mit den besten Antworten geglänzt und ein besonderes Lob erhalten hatte, wiedererkannten.

Nun stand er vor der großen, grünen Tür des Pfarrhauses, das er von vorne noch nie betreten hatte. Ob er anklopfen mußte? Darüber war er nicht belehrt worden, aber er hatte einen Spruch gelernt: Wer anklopfet, dem wird aufgetan. Er klopfte also an, aber ihm wurde nicht aufgetan. Da schielte er verstohlen durch das Fenster neben der Haustür auf den Vorplatz, und da er niemanden sah, wagte er es, die Tür selbst vorsichtig zu öffnen. »Klinglinglingling« lärmte die Hausglocke. Peter erschrak, als ob er auf einer bösen Tat ertappt wäre. Das Dienstmädchen kam und sah ihn fragend an. »Is He inne?« fragte Peter. »Jawohl, der Herr Pastor ist in seiner Stube,« sagte in belehrendem und verweisendem Tone das Mädchen. »Aber, Junge, nimm wenigstens deine Mütze vom Kopfe, wenn du zu uns kommst!« fügte sie hinzu. Blitzartig riß Peter die Kopfbedeckung herunter und stand rotübergossen da. Das Mädchen lächelte im Hochgefühl ihrer überlegenen Bildung und wies ihn gnädig die Treppe hinauf.

Indem Peter die Stufen hinanstieg, biß er sich auf die Lippen und ärgerte sich über sich selbst. Daß man in fremden Häusern die Mütze abnahm, hatte er doch in der Schule gelernt. Und nun hatte er's doch vergessen!

Nun stand er vor der Tür mit dem Namensschild des Pastors. Nachdem er sich die Füße auf der Strohmatte gereinigt hatte, klopfte er an. Ganz bescheiden, mit den Fingerspitzen. Wie man anklopfte, darüber hatte er keinen Spruch gelernt. Als keine Antwort kam, faßte er sich ein Herz und ging ungerufen hinein. Der Geistliche saß an seinem Schreibtisch vorm Fenster und blickte verwundert auf. »Mein Sohn,« sagte er, »wenn man zu einem Menschen in die Stube will, dann klopft man gefälligst an.« »Herr Ppestohr,« stamerte Peter, »ich ... ich habe angeklopft.« »Ach so, ja, da kratzte was; ich meinte, das wäre mein kleiner Polli. Na, setz dich!« Peter setzte sich tief errötend auf einen Stuhl. Die Mütze hielt er mit beiden Händen gegen die Brust gepreßt.

»Freust du dich, Schulmeister zu werden?« fragte der Pastor.

»Ja.«