Peter sah indessen immer wieder nach dem Vater aus. Je weiter die Stunden vorrückten, um so mehr graute ihm vor der Rückkehr. Er merkte deutlich, welch eine Wut sich den Nachmittag über in seiner Stiefmutter ansammelte. Gegen ihn war sie fast freundlich, aber er wußte wohl, diese Freundlichkeit war der falsche, stechende Sonnenschein vor dem Losbruch eines schrecklichen Gewitters.
Es wurde dunkel, es wurde Abendbrotzeit. Harm Eggers war immer noch nicht zurückgekehrt. Um acht Uhr schickte die Mutter die Kinder ins Bett, verriegelte die Türen und löschte das Licht. Sie selbst legte sich angekleidet in ihre Butze.
Lange Zeit lag Peter mit wachen Augen und horchte. An sich und seine Zukunft dachte er nicht. Mit Angst dachte er nur an das, was die nächsten Stunden bringen würden. Zuletzt fiel er doch in leichten Schlaf. Ein Geräusch weckte ihn. An der Haustür wurde gerüttelt. Leise erhob er sich und wollte durch die Stube schleichen, um zu öffnen. Da befahl die Mutter: »Gah in din Bedd!« Einen Augenblick schwankte er, ob er nicht ihrem Befehl trotzen sollte. Einen Augenblick drängte es ihn, an ihr Bett zu gehen und Vergebung für den Vater zu erbitten. Aber er tat nichts von beidem und legte sich wieder. Schritte kamen um das Haus herum. Es klopfte an die Fensterscheiben. »Trina, mak up!« Keine Antwort. Es pocht stärker. Die Fensterscheiben sind in Gefahr. »He sleit de Finster twei! Mak em up!« schreit die Stiefmutter mit heiserer Stimme. Peter springt auf, läuft barfüßig und im Hemde durch die Stube, über die Diele, und schiebt den Riegel zurück. Die Tür fliegt auf, ein eisiger Lufthauch, mit widerwärtigem Fuselgeruch gemischt, weht ihm entgegen, er fühlt sich von zwei Armen umschlungen, feuchte Lippen küssen seinen Mund und lallen: »Jaja, min Hartensjung, freu di, Scholmester wardst du.« Entsetzt und angeekelt entwindet Peter sich der Umklammerung und läuft in die Stube. Der Vater taumelt ihm nach. In der Tür stellt er sich steif hin, stößt mit dem Eichheister auf die Schwelle und lallt: »Ick bin de Herr, und ick bin de Vader, und Scholmester ward de ...« Weiter kommt er nicht. Die Frau ist wie eine Furie auf ihn los gefahren, Peter springt wie von Sinnen in seine Butze; indem er die Tür hinter sich zustößt, sieht er noch, wie sie dem Trunkenen den Stock aus den Händen reißt, er vergräbt sich tief in das Bett, kauert sich zusammen und preßt die Fäuste vor die Ohren.
So lag er lange, lange, und fühlte wie noch nie den ganzen Jammer seiner freudlosen, gedrückten Kinderzeit, das ganze Elend seines Elternhauses, das durch Trunk und Brutalität zu einer Hölle geworden war. Wenn doch die Eltern mit dem Eichenknüppel kämen und ihn totschlügen! Er wollte sich ganz gewiß nicht wehren.
Endlich, — nach seinem Empfinden mußte wenigstens eine Stunde vergangen sein, und die Luft in dem Bett war so verbraucht, daß ihm der Atem still stehen wollte — hob er ein klein wenig die Decke, atmete tief auf und horchte.
Das Entsetzliche war vorüber. Nur ein leises Stöhnen kam von drüben. Dazu weinte der Säugling. Da sich niemand um ihn kümmerte, ging das Weinen allmählich in ein Wimmern über, das nach und nach auch erstarb ...
Vorsichtig schob er die Tür seiner Butze zurück und sah in die Stube. Da lag ein umgestürzter Stuhl. Die Scherben eines zerbrochenen Tellers bedeckten den Fußboden. Durch das Fenster leuchteten die Sterne, ruhig, klar und schön. Aber heute kamen ihm bei ihrem Anblick keine lichten, warmen Gedanken.
Er ließ sich in die Kissen zurückfallen und verfiel aufs neue ins Grübeln. Mit grausamer Wollust wühlte er in der Erinnerung an häßliche Szenen, die er hier in seinem Elternhause erlebt hatte. Je länger er lag, desto mehr füllte seine Seele sich mit Bitterkeit. An den Vater dachte er mit Verachtung, und beim Gedanken an die Stiefmutter ballte er die Fäuste und knirschte mit den Zähnen und fühlte einen heißen Haß in sich aufsteigen. Aber, Gott sei Dank, der Tag war ja nicht mehr fern, an dem er den beiden aus den Händen laufen konnte. Der Pastor hatte ihm gesagt, wenn er Schulmeister werden sollte, würde er gleich nach den Osterferien bei einem alten Schulmeister in die Lehre treten. Er rechnete aus, wie lange es bis dahin noch wäre. Ostern fiel früh: sieben Wochen und fünf Tage! Dann schlägt die Stunde der Erlösung. Dann ade, du enges, schmutziges, dumpfes, zank- und haßerfülltes Elternhaus!
Es war Gründonnerstag. In der Steinbecker Kirche wurden die Kinder konfirmiert.
Der Pastor war heute nicht die steile Kanzeltreppe hinaufgeklettert, sondern stand vor dem Altar, inmitten der jungen, festlich geschmückten Schar. Die Mädchen trugen schwarze Kappen, die vorn mit einem weißen, fein gefältelten Strich versehen waren, und hielten über den funkelnagelneuen Gesangbüchern zusammengefaltete weiße Tücher. Die ärmeren Jungens steckten zum Teil in Abendmahlsröcken, die ihnen offenbar nicht persönlich auf den Leib geschneidert waren. Denn kleine Leute, die den Pfennig umdrehen mußten, hielten einen Rock von mittleren Maßen für ihre ganze Jungensschar auf Lager. Peter aber, der ärmste von allen, trug seinen eigenen Anzug. Dafür hatte seine Mutter kurz vor ihrem Tode einer zuverlässigen Frau eine kleine, sauer ersparte Summe übergeben. Als Peter an diesem Morgen den Rock angezogen hatte, war ihm eine große, blanke Träne daran hinuntergelaufen.