»Und ick segg ...,« kreischt Trina, die ihrem Mann auf dem Fuße gefolgt ist, aber er unterbricht sie hart: »Trina, ick segg di't in Goden, hol nu din Mul!« Und wirklich, sie schwieg. Der Ton, mit dem er dies sagte, und der Ausdruck seiner Augen, in denen ein flackernder Widerschein des Herdfeuers war, verrieten ihr, daß sein Inneres nahe am Siedepunkt war. Wenn man ihn dann noch weiter reizte, fing er an zu rasen. Das hatte sie einmal erlebt, und seitdem ließ sie es so weit nicht mehr kommen. Lieber nahm sie eine kleine Niederlage hin und wartete auf eine Gelegenheit, sie auszuwetzen.

Harm Eggers machte sich hinten auf der Diele zu schaffen und pfiff munter vor sich hin. Die häusliche Szene hatte nach der langen Bettruhe sein Blut angenehm in Wallung gebracht. Dazu kam das Hochgefühl des Siegers, und vor allem das Bewußtsein der erfüllten Vaterpflicht. Trina dagegen war in ihrer schlimmsten Laune. Sie schlug die Türen, stieß mit dem Geschirr und hetzte den Stiefsohn von einer Arbeit zur andern.

Nach dem Abendbrot ging die Familie bald zur Ruhe. Peter aber mußte vorher das Jüngste in Schlaf wiegen.

Der Trankrüsel wurde gelöscht — Öllampen waren auf dem Lande noch nicht in Gebrauch —, aus den Butzen kamen bald die ruhigen Atemzüge der Schlafenden, leise knirschte die Wiege auf dem Sande des Lehmbodens. Da gehörte Peter sich selbst und seinen Gedanken.

Er saß nicht weit vom Fenster und blickte hinaus. Das war so seine Art. Er sah mehr aus dem Fenster, als seine vier Geschwister zusammen. Denn unbewußt suchten seine Augen und seine Seele in der Ferne etwas, was die Nähe und Enge nicht gab. Wie er jetzt so in Gedanken versunken hinausschaute, sah er die klare Winternacht mit unzähligen Sternen geschmückt. Da dachte er an seine Mutter, wie er öfters tat, wenn er zu den Sternen aufschaute. Das hing mit einer frühen Kindheitserinnerung zusammen. Die Mutter hatte so viel gehustet und gestöhnt und gar nicht schlafen können. Nun lag sie auf einmal still mit weißem, feierlichem Gesicht und schlief so friedlich. Da freute sich der kleine Peter und ging auf den Zehen und spielte ganz leise, um die Mutter nicht zu wecken. Am Morgen des dritten Tages aber holte die Großmutter des Bauernhauses, zu dem des Vaters Kate gehörte, ihn ab, schenkte ihm drei Stück Zucker und einen dicken Apfel, und den ganzen Nachmittag spielte er sehr vergnügt mit den Kindern des Bauern. Am Abend brachte die freundliche alte Frau ihn wieder nach Hause. Da suchte er die Mutter, fand sie aber nicht, in ihrem Bette und im ganzen Hause nicht. Und er fragte die alte Frau, wo sie geblieben wäre. Da nahm die ihn auf den Arm und zeigte ihm durch das Fenster — es war dasselbe, an dem er jetzt eben saß — den dunklen Himmel mit all den hellen Sternen. Dort oben wohne die Mutter nun. Und aus einem der vielen Kucklöcher kucke sie herab, ob ihr Peter auch artig und lieb sei. Da hatte er die Augen angestrengt, ob er sie nicht sehen könnte. Und als er ihr liebes, weißes Gesicht nicht fand, da hatte er geweint. Aber bald hatte er sich getröstet und sich vorgenommen, immer artig und lieb zu sein, damit die Mutter droben an ihrem goldenen Himmelsfenster eine Freude hätte. Als kleiner Junge hatte er dann noch oft ihr Gesicht dort oben gesucht. Als großer Junge und Konfirmand tat er das nicht mehr. Aber wenn er die Himmelsfenster seines ersten Kinderglaubens sah, dachte er an sie. Und wie sollte er diesen Abend ihrer nicht gedenken? Heute hatte sie in sein Leben eingegriffen, hatte ihrem Kinde den Weg frei gemacht. — Nun lag eine Zukunft vor ihm. Eine Zukunft, wie der arme Häuslingsjunge sie sich nie hatte träumen lassen. Dicke Bücher, merkwürdiger, wunderbarer Dinge voll; ein sauberes Häuschen im Garten mit Blumen vor den Fenstern; Kinderscharen, deren Augen an seinem Munde hingen. Ja, zuletzt sah er sich in einer hohen, alten Kirche auf der Orgelbank sitzen, und all die Pfeifen und Flöten gehorchten ihm. Er ließ sie brausen wie Sturmesbrausen, und dann wieder ganz lieblich singen, wie das Rotkehlchen singt im Busch ...

Diese schönen Zukunftsträume wurden durch einen Kälteschauder gestört, der ihm plötzlich über den Rücken lief, und zugleich flogen seine Zähne klappernd aufeinander. Da stand er auf, entkleidete sich schnell, packte den siebenjährigen Bruder, der sich in der Kinderbutze quer gelegt hatte, in die richtige Lage, kroch hinein, wurde in dem gut vorgewärmten Nest schnell warm und war ebenso schnell eingeschlafen.


Am nächsten Morgen zog Harm Eggers seinen Sonntagsrock an, umwand Kopf und Hals mit einem roten Schaltuch, so, daß die etwas kopfscheuen Ohren an den Kopf gedrückt und vorm Erfrieren geschützt waren und nur Augen und Nase in die kalte Welt hinauslugten, nahm seinen Eichheister in die Faust und machte sich auf den Weg, seine Vaterpflicht zu erfüllen und seines Erstgeborenen Zukunft mit dem Steinbecker Pfarrherrn zu beraten. »Middag bin ick wedder 'rin,« war sein letztes Wort, als er schon die Türklinke in der Hand hatte.

Als Peter am Mittag aus der Schule kam, war der Vater noch nicht zu Hause. Eine Stunde wartete man auf ihn, und Peter lief immer wieder vor die Tür und sah den Weg entlang nach ihm aus. Endlich setzten sie sich an den Tisch. »Wo Vader woll so lange bliwt?« fragte das kleine Mädchen. »Bi'n Branntwien!« antwortete Trina rauh. Dann sah sie Peter von der Seite an und sagte: »Und wovon kummt dat? Von dine verdammten Scholmestergrappen! He ward sick wedder schön enen ansupen, de ole Swinegel de!« Peter zuckte zusammen und schwieg. Was seine Stiefmutter so brutal aussprach, das hatte er im stillen auch schon gefürchtet.

Harm Eggers war ein Gelegenheitstrinker. Da die Leute ihn für einen guten, anständigen Kerl hielten, seine Trina aber und ihre Sippe nicht leiden konnten, so schrieben sie diesen »lütten Fehler« auf die Rechnung des bösen Weibes. Damit trafen sie auch wohl ziemlich das Richtige. Aber heute betrank Harm Eggers, der wirklich, während man zu Hause auf ihn wartete, in einer behaglich durchwärmten Schenkstube des Kirchdorfs saß, sich nicht aus ehelichem Kummer, sondern aus Freude und Vaterstolz. Er hatte ja vom Pastor so viel Gutes über seinen Peter gehört, daß sein Vaterherz der Freude und des Stolzes voll war. Und all das Schmeichelhafte konnte er unmöglich für sich behalten. Und seine Frau daheim konnte er doch nicht damit erfreuen. So mußten es denn die in der Gaststube einkehrenden Bauern, Viehtreiber und Fuhrleute hören, was Peter Eggers, Harm Eggers' Sohn aus erster Ehe, für ein begabter Junge war, und daß der Pastor ihn durchaus zum Schulmeister und Küster machen wollte, und dem Vater fiele es zwar schwer, bei den vielen kleinen Kindern, aber er wollte dem Jungen doch nicht im Wege sein, und wenn er selbst trocken Brot essen sollte. Zwischendurch kam dann wohl der Seufzer: »Wenn dat min sel' Fru noch belewt harr!« Dann trat ihm das Nasse in die Augen, und er suchte es durch das Nasse in dem Glase, das nimmer leer blieb, zu vertreiben.