Der alte Harfenspieler hatte durch sie die himmlischen Mächte kennen gelernt. Konnte er das auch von sich sagen? ... Nein. Im Gegenteil. Vorher hatte er von Gott — so setzte er stillschweigend für die himmlischen Mächte ein — gewußt und ohne Bedenken und Zweifel, aber freilich, auch ohne sich viele Gedanken zu machen, über ihn gelehrt. Das war so leicht gewesen. Es stand ja alles fertig im Katechismus und in der Bibel. Dann hatte er in jener Verzweiflungsnacht zu Gott geschrien und keine Antwort bekommen, keine Erhörung gefunden. Seitdem fühlte er im Unterricht manchmal etwas wie ein böses Gewissen, wenn er von ihm lehrte. Aber er beruhigte sich: Wir Schulmeister müssen's alle, es steht einmal in den alten Büchern so drin, und Religion ist immer gewesen und muß auch sein.
Und doch waren auch wieder Stunden in seinem Leben, in denen er das Gefühl gehabt hatte, als ob er jetzt, nachdem er den Gott seiner kindlichen Vorstellungen verloren, erst auf dem Wege wäre, Gott von ferne zu ahnen, ihn vielleicht einmal zu kennen; als ob er sein Liebesglück und Liebesleid, seine Jubelstunden und seine durchweinten Nächte einbeziehen könnte, ja müßte, in einen verborgenen Liebeswillen, der geheimnisvoll über seinem Leben waltete. Selten waren solche Stunden, und es waren auch dann nur Ahnungen, die ganz leise und heimlich durch seine Seele zogen. Die entgegengesetzte Stimmung, daß er mit einem blinden, grausamen Geschick haderte, daß er sich dumpf und stumpf unter etwas Unabänderliches zu beugen suchte, hatte die Vorherrschaft ... Der Harfenspieler war ein alter Mann. Vielleicht hatte der auch nicht immer so an seine Leiden und Schmerzensnächte gedacht, so voll stiller Ergebung, ja voll Dankbarkeit für das, was solche Zeiten ihm gegeben. Das kam vielleicht erst mit den Jahren ...
Peter ließ seine Augen auf dem zweiten Bilde ruhen. Von dessen Versen hatte er bislang überhaupt nichts verstanden. Es war ihm lieb geworden, weil das weiße Kleid des Kindes und ein leiser Zug in ihrem Gesicht ihn an seine Tote erinnerte. Und bei dem festen Hause hatte er ganz unbestimmt an das goldene Tor gedacht. Wie er nun so in stillem Sinnen hinschaute, haftete sein Auge an einem kleinen Wörtlein: So laßt mich scheinen, bis ich werde ... Werden ... Werden ... Was werden? Das stand da nicht ... Nur: werden ... Wie er darüber nachdachte, wollte es ihm plötzlich scheinen, als sei in diesem schlichten Wörtlein sein ganzes Jugendsehnen auf das kürzeste und treffendste ausgedrückt. Nicht, was so an der Oberfläche getrieben hatte: Hauptseminar und Küsterstelle usw., sondern das, was in der Tiefe geströmt und jene Wünsche getragen hatte. Und es kam ihm die Erinnerung an eine Frühlingszeit seines Lebens, da er dieses Werdens mit seligen Schauern selber inne geworden war. Aber dann waren ja wieder Zeiten gekommen, in denen er die Empfindung hatte, als ob alles in ihm tot und still läge. Nun stand dieses Wort vom Werden über seinem Schreibtisch, und er wollte es als eine freundliche Verheißung nehmen, daß das Werden doch noch nicht aufgehört habe, daß die alte Sehnsucht noch Erfüllung finden könnte.
Die beiden Bilder hingen nebeneinander. Und der Antiquar hatte ihm beim Kauf gesagt, daß sie eng zusammengehörten. Er hatte auch irgend eine Geschichte erzählt, die das beweisen sollte. Die war ihm aber entfallen, wenn er sie überhaupt recht aufgefaßt hatte.
Ja, vielleicht gehörte, auch ohne diese besondere Geschichte, überhaupt im Leben, alles dieses zusammen: Die kummervollen Nächte und das Tränenbrot und das Werden, die schöne Erde und das feste Haus und das goldene Tor; das Suchen und Sehnen, das Weinen und Verzweifeln, das Wachsen und Werden, und ... Gott ...
Es war etwas in ihm, was sich nach Aussprache sehnte. Da nahm er seine Geige. Den Blick auf den Harfenspieler gerichtet, begann er zu spielen, schmerzvoll klagende Weisen mit einem leisen Unterton der Ergebung, wie sie der Alte einst seiner Harfe entlockt haben mochte. Dann wandte er sich dem andern Bilde zu und zog lange, süße, innige Töne. Tränen füllten seine Augen, und mit den umflorten Blicken sah er in Mignons Bild das Bild seiner teuren Toten. Da packte ihn ein wilder Schmerz, und schrill und scharf zog er mit dem Bogen über die Saiten. Dann schaute er wieder auf den zum Frieden gekommenen Alten, strich allmählich ruhiger, und ging zuletzt in Händels Largo über, das ihm von allen Tonstücken, die er kannte, das liebste war. Er stand jetzt vor dem Fenster, und sein Blick flog zu dem Stückchen Himmel auf, das zwischen der Schule und dem nahen Bauernhause sichtbar war.
Am nächsten Tage fing Peter an, sich in Solten herumzuessen. Das Dorf zählte sieben Halbhöfe, und jeder hatte die Verpflichtung, einen Tag der Woche den Schulmeister zu Mittag und Abend zu beköstigen. Den Morgenimbiß nahm er zu Hause ein, und traf mit einer benachbarten Häuslingsfrau, der er auch die Wartung seines Zimmers übergab, das Abkommen, daß sie ihm durch eins ihrer Kinder dazu einen Becher frischgemolkener Ziegenmilch herüberschickte.
Da Peter jetzt des Willens war, die Welt, in der er lebte, und das ihn umgebende Leben kennenzulernen, so war ihm der Reihetisch ganz lieb. Denn dazu bot er ja die beste Gelegenheit, die sich nur denken ließ. Wenn er des Mittags mit hungrigem Magen auszog, kam er sich fast wie ein Entdeckungsreisender vor und hielt Augen und Ohren offen. Er versuchte von dem Aussehen der Häuser auf ihre Bewohner, von dem Vieh auf die Menschen, von den Menschen auf das Vieh, von den Eltern auf die Kinder, von den Kindern auf die Eltern zu schließen, er verglich, stellte Betrachtungen an, kurz, er studierte das Leben und die Menschen. Was die Hofbesitzer betraf, so fand er bald heraus, daß er gleich am ersten Tage die größten Gegensätze kennengelernt hatte: den wortkargen, stumpfen, geizigen Swiebertsbauern, und den humoristischen, klugen, noblen Mattensbauern. Frauen gab's, wie überall, ordentliche und schlampige, heitere und mürrische, gut aussehende und häßliche, mütterliche und stiefmütterliche. Von den Altenteilern hatten die einen etwas Patriarchalisches in ihrem Wesen, die andern hatte das Leben, Arbeit und Sorge müde und stumpf gemacht. Peter packte das Leben mit wachen Sinnen, und wo er's packte, da wurde es ihm interessant. Während er die Menschen beobachtete, beobachteten die Menschen ihn, und schon am Ende der Woche stand das Urteil über ihn ziemlich fest: »Wi hewwt'n lütten schönen Scholmester krägen. He is gar nich stolz, itt wat up'n Disch kummt und hett Ogen in'n Kopp.« Nur die Schulkinder, die ja demnächst am meisten mit ihm zu tun haben sollten, hielten ihr Urteil in der Schwebe. Die wollten doch lieber erst sehen, wie er sich in der Schule machen würde.
Am Sonntag ging Peter nach Brundorf zur Kirche. Er setzte sich auf den Orgelchor, woselbst der Organist ihm schlimmes Herzeleid antat. Er hatte seine Orgel schlecht in Stimmung und griff und trat mehr als einmal böse daneben. Denn er dachte: Was verstehen die dummen Bauern von Musik? Wenn's ihnen man tüchtig in die Ohren braust! Peter drehte sich einige Male herum und bearbeitete den breiten Rücken des Kollegen mit empörten Blicken. Aus dem Stadium, in dem ein Tongeräusch wie Schulmeister Wenckes Geigenkratzen Musik für ihn gewesen war, war er jetzt heraus, und die gute und gutgespielte Orgel der Hauptkirche der Seminarstadt hatte ihn verwöhnt.