Es ging bereits gegen Abend, als sie wieder zu Hause anlangten. Der Bauer half dem jungen Schulmeister, die Siebensachen abzuladen und ins Haus zu schaffen. »So,« sagte er, als sie damit fertig waren, »nu mak he sick man allens fein to Schick, und adjüs ok.« Dann hängte er in die Stränge ein und zog mit seinem Gespann ab.
Peter stand in seiner Stube zwischen seinem Hausrat. Jetzt war's wirklich eine kleine Aussteuer. Da kam ihm plötzlich die Erinnerung, wie Schulmeister Wencke in Wehlingen ihn vor drei Jahren auf seine Kammer geführt und gesagt hatte: »So, nun mach's dir nur gemütlich in deinem Heim.« Wehmütig dachte er daran, mit was für einem jäh erwachenden Heimgefühl er damals von dem Dachstübchen Besitz ergriffen hatte. Von dem Glück und Jubel jener Stunden war er heute weit entfernt. So konnte er sich überhaupt nicht mehr freuen. Aber froh war er doch, daß er nun wieder ein eigenes Heim hatte. Das enge Zusammenleben mit innerlich ihm fremden Altersgenossen, wie das Seminar es mit sich gebracht hatte, war ihm zuletzt fast unerträglich geworden. Es mochte ja zuerst ganz heilsam für ihn gewesen sein. Aber im Grunde war er doch einer der Menschen, deren Bestes nur in der Stille und Einsamkeit reift, und denen es darum einfach Lebensbedürfnis ist, oft und viel allein zu sein. Das war ja nun im Soltener Schulhause wieder möglich. Und darüber freute er sich.
Er machte sich an die Einrichtung seines Zimmers. Denn gemütlich sollte es hier auch werden.
Die schwierigste Arbeit nahm er zuerst in Angriff: das Bettmachen. Da sie hierfür nur Oberbett und Kissen gekauft hatten — ein Laken hatte Frau Mattens aus ihrem Leinenschatz hergegeben und mäßig verrechnet — so brauchte Peter Stroh, um die Butze aufzufüllen und sich eine weiche Unterlage zu bereiten. Er ging in das Bauernhaus, auf dessen Hof die Schule lag, und bat darum. Swiebertsbauer war glücklicherweise nicht zu Hause. Wahrscheinlich hätte er Peter auf das nächste Bauernmal vertröstet, wo beschlossen werden könnte, welche Höfe je ein Bund Stroh für das Bett des Schulmeisters zu liefern hätten. Die Bäuerin aber war menschenfreundlicher. Sie kommandierte ihre Magd, das nötige Stroh nach dem Schulhause hinüberzutragen und dem Schulmeister auch gleich das Bett fertigzumachen. »So'n Mannsminsch kennt dar doch nix von,« sagte sie.
Als die Magd nach Ausführung ihres Auftrages gegangen war, fuhr Peter mit dem Einrichten fort. Die Geige, sein wertvollstes Besitztum, stellte er auf den niedrigen Beilegerofen, dessen Eisenplatten zweimal mit dem »Fräuwlein von Samaria« und einmal mit Christi Taufe geschmückt waren. Den gekauften Tisch stellte er an die Längswand und baute seine Bücher an dieser auf. Die Wände waren gänzlich kahl, und gerade über dem Tische war ein Stück Bewurf abgefallen. Aber Peter besaß ein Mittel, diesen Schönheitsfehler zu verdecken und der kahlen Fläche einigen Schmuck zu verleihen. In der Seminarstadt hatte er sich einmal bei einem Althändler für wenige Groschen ein paar ungerahmte Bilderblätter gekauft. Die brachte er mit kleinen Nägeln über seinem Tische an. Das eine Blatt zeigte das Bild eines alten Mannes mit tiefgefurchten Zügen und wallendem Barte, der einsam auf seinem Lager saß und das Haupt auf eine vor ihm stehende Harfe gestützt hielt, auf deren Saiten seine welken Finger leise Töne zu greifen schienen. Darunter standen die Worte:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Wegen dieser Worte vor allem, die er zum erstenmal an jenem glücklichsten Tage seines Lebens gelesen hatte, als seine Seele eben mit Goethes Mailied gejubelt hatte, war ihm dieses Bild in dem Fenster des Antiquars so lieb geworden, daß er es sich endlich kaufen mußte. Und da hatte der Mann ihm gleich ein anderes Bild gezeigt, das dazu gehöre, und er hatte sich dieses auch gekauft. Da stand ein Mädchen in langem, weißem Kleide, halb Kind, halb Jungfrau, an eine Säule gelehnt und schaute mit schmerzlich sehnsüchtigem Blicke in die Weite. Darunter stand:
So laßt mich scheinen, bis ich werde;
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.
Als Peter mit dem Einräumen seines Zimmers fertig war, setzte er sich an seinen Tisch, stützte den Kopf in die Hände, sah gerade vor sich auf seine Bilder und ihre Verse, und verfiel in tiefes Sinnen.
Tränenbrot und durchweinte, kummervolle Nächte ... ja, er selbst kannte sie auch, so jung er war gegen den Alten auf dem Bilde ...