Clas Mattens, der nach beendigtem Kaffeetrinken eben seine Pfeife wieder angesteckt hatte, schmunzelte und blies ein paar mächtige Wolken von sich.


Am nächsten Morgen spannte Mattens mit dem Frühesten an, und neben dem breitschulterigen, behäbigen Bauersmann nahm der schmale, lang aufgeschossene Schulmeister Platz. So fuhren sie langsam in den frischen Aprilmorgen hinaus.

Das Gespräch zwischen ihnen riß nicht ab. Die Führung lag in den Händen des Bauern. Er sprach von den Feldern, Heiden, Wäldern, Wiesen, Dörfern, Gehöften, Menschen und Tieren und allem andern, was in seinen Gesichtskreis gehörte, mit jener Treffsicherheit und Sachlichkeit und jenem trockenen Humor, die nur aus dem intimen Umgang mit den Dingen und der behaglichen Freude an ihnen sich ergeben. Er sprach in jener urgesunden echten Bauernart, die den nicht gar zu blasierten Kulturmenschen immer wieder überrascht, und ihn erquickt wie der frische Duft der Scholle, die nachdenkliche Menschen immer wieder zweifelhaft macht, ob unsere ganze Kultur und »Bildung« wirklich so viel wert ist, wie es uns von allen Dächern gepredigt wird, ob wir für sie nicht einen zu hohen Preis gezahlt haben; in jener Art, von der ein Bücherschreiber, der nicht raffiniert für ein raffiniertes Publikum, sondern deutsch für das deutsche Volk schreiben möchte, immer wieder lernen muß, und um die er manchmal so einen schlichten Heide- und Moorbauer aufrichtig beneidet. Denn ganz lernt's einer doch nicht wieder so, der leider »schrecklich viel gelesen.«

Hätte Peter vor einem Jahre mit einem Mann wie Clas Mattens eine Fahrt über die Heide gemacht, so würde er mit Kunst und Tücke das Wort an sich gerissen und belehrende Vorträge über wer weiß was für abliegende Dinge gehalten haben. Denn damals hielt er sich wegen seines bißchens Bücherweisheit für »gebildet« und verpflichtet, andere zu bilden und zu belehren. Heute aber hielt er den Mund, hörte zu und fragte. Denn er war jetzt gebildet genug, um einzusehen, daß auch ein Schulmeister, der ein gutes Abgangszeugnis vom Seminar in der Tasche hat, noch nicht alle Weisheit mit Löffeln gefressen hat, daß er noch tüchtig lernen mußte und sich auch nichts vergab, wenn er von einem Bauern lernte. Er war gebildet genug, um die Welt des gefestigten, auf seine Scholle und Arbeit stolzen Bauerntums als eine ganze und reiche Welt zu empfinden, die es durchaus nicht nötig hatte, sich vor der Welt der Bildung und Bücher, in die er selbst ein wenig hineingerochen hatte, schamhaft zu verkriechen. Und er war gebildet genug, um einzusehen, daß er an diese Welt, in der er ja auch leben sollte, wieder mehr Anschluß suchen mußte, daß neben dem, was in den Büchern stand, auch das ihn umgebende Leben Beachtung verdiente. So machte er denn während dieser Fahrt Ohren und Augen weit auf und war des Bauern lernbegieriger Schüler.

Es kam bei diesen Gesprächen zwischen Bauer und Schulmeister zufällig heraus, daß Clas Mattens nicht schreiben und nur mangelhaft lesen konnte. Peter kannte ja viele, die statt ihres Namens drei Kreuze machten. Aber bei Mattens wunderte ihn das doch, und er sagte: »Dat harr ick nich dacht.« »Jawoll,« lachte der Alte, »ji Scholmester bild't jo jümmer in, wenn da'n düchdigen Keerl is, de in de Welt paßt und sinen Kram versteiht, denn harrt ji dat Meiste darto dan. Kinners, Kinners, 't hett all Keerls in de Welt geben, as noch keen Scholmester de Jungs de Böxen stramm tög.«

Nach einer Fahrt von vier Stunden langte das Gefährt vor Harm Eggers' Häuslingskate an. Als Peter innerlich auf alles gefaßt und gegen alles gewappnet, in die Tür trat, hörte er den Vater in der Stube laut schnarchen. Seine jüngste Schwester erzählte ihm eifrig, er wäre dun[23] nach Hause gekommen und hätte von Muttern schreckliche Prügel gekriegt. Sie zeigte ihm auch lachend den Stock, der in der Ecke stand. Die Mutter wäre auf der Nachbarschaft zum Waschen. Peter raffte in größter Eile seine Sachen zusammen, trug sie auf den Wagen, sprang selbst hinauf und bat Mattens, davonzufahren.

»Wat? Nich mal'n Tass' Kaffee kakt uns din' Mudder? Dar harr ick mi bannig up spitzt.«

»Se is nich to Hus,« sagte Peter kurz.

Auf der Rückfahrt kauften sie in einem Flecken, was sie für die erste Einrichtung für nötig hielten. In ihren Ansichten darüber stimmten sie bis auf einen Punkt überein. Der Bauer meinte, Peter könne sich wenigstens den Sommer über ganz gut draußen am Hofbrunnen waschen und brauchte kein Waschgeschirr. Aber Peter, der an diesen Luxus von Wehlingen und vom Seminar her gewöhnt war, wollte nicht gern auf ihn verzichten. Mattens meinte, die Schulmeister würden immer großartiger, und man wüßte nicht, wo das schließlich noch hinaus sollte, gab aber endlich doch nach.