Das Gesicht der Schule war das ihm von Wehlingen her vertraute: Blaue und graue Augen, hellblonde Haare, die Langköpfe weit zahlreicher als die Kurzköpfe. Der Kinder, die irgendwie von dem allgemeinen Typus abwichen, waren nur wenige. Aber ein Kind — das sah Peter auf den ersten Blick — machte in dieser Umgebung einen fremdartigen Eindruck. Es war ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Das schmale Gesichtchen war feiner geschnitten und weißer in der Farbe als die der Kameradinnen, und die dunklen Augen hatten ganz ihren eigenen Ausdruck. Peter glaubte die Gesamtheit der übrigen Kinder auf den ersten Blick ihrem Grundcharakter nach zu kennen. Es war dieselbe Art, mit der er herangewachsen war, und die er in Wehlingen zweiundeinhalb Jahre unterrichtet hatte, die ungemischte niedersächsische Rasse. Aber dieses eine Gesicht gab ihm Rätsel auf.
Peter eröffnete seine Tätigkeit als selbständiger Lehrer nach einigen Gesangversen mit einer kleinen Ansprache, in der er die Kinder zu Fleiß, Aufmerksamkeit, gesittetem Betragen und anderen Schülertugenden ermahnte und die Hoffnung aussprach, daß sie selbst es ihm möglich machen würden, den Stock nicht zu gebrauchen. Denn er schlüge höchst ungern und wäre in seiner ersten Schule beinahe ganz ohne Schläge ausgekommen. Dieser Teil seiner schönen Rede fand die größte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Ein großer Bengel wechselte mit seinem Banknachbarn einen vielsagenden Blick.
Darauf begann Peter nach dem Stundenplan mit der Religionsstunde. Er wollte zunächst feststellen, was die Kinder an Memorierstoff beherrschten, und stellte Fragen aus dem Landeskatechismus. Die Kinder hatten den Text leidlich binnen, trotz des lehrerlosen Jahres, während dessen nur selten ein Schulmeister aus der Nachbarschaft zur Vertretung herübergekommen war. Aber, so oft Peter fragte, fiel es ihm auf, daß das fremdartige Mädchen nicht aufzeigte, ja, nicht einmal aufblickte. Wie verlegen saß sie da und sah vor sich nieder. Zuletzt stellte er eine ausgesucht leichte Frage und rief sie auf, obgleich sie sich wieder nicht meldete. In die Schule kam eine Bewegung, die Kinder stießen sich an, lachten, legten sich auf die Tische und wandten die Köpfe, um die Gefragte zu beobachten. Peter brachte durch ein paar energische Worte die Gesellschaft zur Ordnung und Ruhe und wandte sich dann wieder an die aufgerufene Schülerin, die mit gesenktem Kopf schweigend in der Bank stand. Er versuchte ihr zu helfen, indem er die Antwort anfing. Vergeblich. Ratlos sah er sich in der Klasse um. Da meldete sich ein anderes Mädchen, und als Peter ihr zunickte, sagte: »Lina ihr Vater will das nicht haben, daß sie den Katechismus lernt.«
»Sooo?« fragte er verwundert.
Da flog die kleine Plappertasche wieder in die Höhe und fuhr fort: »Lina ihr Vater sagt, im Katechismus steht der rechte Glaube nicht in.«
»Setz dich und halt deinen Mund!« sagte Peter ärgerlich.
»Was ist dein Vater?« fragte er freundlich das Kind, das noch immer stand und jetzt rot übergossen war.
»Schuhmacher,« war die schüchtern gegebene Antwort.
Die Plappertasche zeigte wieder eifrig den Finger, wobei sie dem Schulmeister den Arm entgegenzuckte und sich über die Bank warf.
»Was willst du denn nur?« fragte Peter ärgerlich.