»Lina ihr Vater ist ein Fremder, er ist ...«
»Wenn du dich noch einmal um Sachen kümmerst, die dich nichts angehen, stelle ich dich dort in die Ecke,« sagte Peter, scharf verweisend. Das Mädchen nahm die Schürze und maulte.
»Na, Lina, setz dich,« wandte er sich wieder an die andere, »ich denke, fortan müssen wir hier in der Schule lernen, was der Lehrer will. Das geht wohl nicht anders.« Er sagte das ganz freundlich. Das Kind in seiner Verlegenheit tat ihm leid. Und über die andern, die mit Interesse und Schadenfreude die Szene zwischen dem neuen Lehrer und dem Kinde des fremden Schusters verfolgten, ärgerte er sich. Er hatte gleich die Empfindung, daß diese Fremdartige keinen leichten Stand unter ihren Mitschülern hätte, und nahm sich vor, auf sie besonders zu achten und sie zu schützen, wenn es nötig sein sollte. Denn er kannte die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Jugend gegen alles, was anders ist und sich nicht glatt dem Hergebrachten fügt. Hatte er doch selbst in seiner Jugend sie öfter erfahren.
Nach einer Weile ging er zu der biblischen Geschichte über. »Wer kann mir die Geschichte von Maria und Martha erzählen?« fragte er.
Einige Finger wurden zaghaft gehoben und wieder zurückgezogen. Nur Schusters Lina zeigte ruhig und sicher auf, und ihre dunklen Augen sahen den Lehrer voll an.
Peter war froh, daß er ihr vor der Klasse eine Genugtuung geben konnte, und rief sie freundlich auf.
Und nun erzählte sie. Und erzählte so, daß Peter sie verwundert ansehen mußte. Es kam ihm vor, als hörte er eine ganz neue Geschichte, ja, als sähe er sie vor sich, die geschäftige Martha und die stille, innige Maria, und den Herrn, der von der Wanderung in dem Heim der Schwestern eingekehrt ist. Als sie fertig war, sagte Peter: »Das hast du gut erzählt, Lina. Darüber habe ich mich gefreut.«
Er ließ sich dann noch einige Geschichten von anderen Kindern erzählen. Die beherrschten den Text ja auch wohl. Aber wie hölzern und plump kamen sie damit über, wie ging dabei das Zarte, Schöne, Tiefe verloren! Er konnte sich nicht versagen, Linas Erzählen den anderen als vorbildlich hinzustellen. Als er es getan hatte, bereute er es aber auch schon. Die Kinder, die ihre Geschichten ebenso fließend aufgesagt hatten, machten verwunderte Gesichter und sandten einen nicht gerade freundlichen Blick nach der durch das erste Lob des neuen Schulmeisters ausgezeichneten Mitschülerin hinüber.
Um zehn Uhr entließ er die Kinder. Er hatte, dem Beispiel seines alten Lehrmeisters folgend, für diese Stunde die Schulneulinge bestellt.
Auch hier in Solten kamen die Eltern der Kleinen zum Lehrer und überreichten ihm süße Anlockungsmittel. Die nahrhafteren Beigaben für den Schulmeister selbst fehlten hier natürlich, wegen des Reihetisches. Peter schrieb auf jede Tüte den Namen des Kindes, das er mit ihr an sich fesseln sollte. Als er fünf Tüten vor sich hingelegt hatte, trat ein Vater mit leeren Händen vor ihn hin und redete ihn hochdeutsch an: »Herr Lehrer, mein Paulchen kommt auch ohne Zuckertüte gern zu Ihnen. Wir haben ihm erzählt, daß Sie ein lieber, freundlicher Herr sind.« Peter sah sofort an den Augen des Mannes, die Ähnlichkeit mit denen der kleinen Lina hatten, daß er den Schuster vor sich hatte.