Vor den versammelten Eltern erklärte der junge Schulmeister, er werde die Kinder einstweilen nach dem Abc setzen, und später nach Betragen, Fleiß und Tüchtigkeit. Die Eltern räusperten sich, einige sahen sich an, und ein Bauer, den Peter von den Hofbesitzern, die er bislang kennen gelernt hatte, am wenigsten leiden konnte, weil er in seinem Wesen etwas Dummprotziges hatte, sagte: »Jea, dat is man so'ne Sak'; min Kinner hewwt bi den olen Scholmester jümmer baben an säten. Und ick bin ok de böberste wän. Min sel. Vader harr den grötsten Hoff.« »Denn will ick wünschen, Westermann,« sagte Peter, »dat jon Willem 'n düchdigen Jungen is und ok wedder den böbersten Platz innenehmen kann.«

Er entließ die Eltern und rief seine Kleinen in die Schulstube. Sie kamen ängstlich und zaghaft. Denn auch in Solten hatten die lieben Mütter aus erzieherischen Gründen die Person des Schulmeisters mit allen erdenklichen Schrecken umkleidet. Auch die Zuckertüten konnten nicht alle Angst aus den Gesichtern verscheuchen. Nur ein kleines, eckiges Bürschchen kam munter angestapft, sah sich mit den schwarzen Äuglein interessiert um und ließ sie dann voll Vertrauen in denen des Lehrers ruhen. Als aber die anderen ihre Zuckertüten bekamen, verdunkelte sich das fröhliche Gesichtchen, und in den schwarzen Augen wurde Regenwetter. Peter fragte Westermanns Willem, der, weil sein Vater den größten Hof besaß, die größte Tüte hatte, ob er Paul etwas abgeben wollte. Willem sagte stramm: »Nee.« Er wandte sich an die anderen. Die wollten sich, Willems Beispiel folgend, ebenfalls auf nichts einlassen. Peter hielt eine kleine plattdeutsche Rede über das Wohltun und Mitteilen und bat dann die Kinder, sie möchten je zwei Boltjen aus der Tüte nehmen, und ihm, dem Schulmeister, schenken. Alle taten es, bis auf Willem. Peter ärgerte sich über den dickköpfigen Bengel und nahm sich von ihm, was die andern freiwillig gegeben hatten. Da stellte sich der kleine Kerl steil hin und sagte: »Dat segg ick to minen Vader, dat du mi de Boltjen stahlen hest. De hett he för mi kofft, und nich vör den Schoster sinen.« Peter überreichte die auf diese Weise verfügbar gemachten Süßigkeiten dem kleinen Paul, bei dem nach dem Regen denn auch sofort wieder Sonnenschein eintrat.

Darauf wies er den Kleinen ihre Plätze an. Paul Döhler wurde nach dem Alphabet der erste, Willem Westermann mußte den letzten Platz erhalten. Dieser machte ein Gesicht, als ob er protestieren wollte, sagte aber doch nichts.

Peter beschäftigte die Kinder ein Stündchen mit einem Bilde, auf dem Haustiere fraßen, brüllten, krähten, schliefen und sonst sich ihres Lebens freuten. Viel brachte er aus ihnen noch nicht heraus. Aber es schien ihm, als würde sowohl Paul Döhler seinen ersten wie Willem Westermann seinen letzten Platz während der Schuljahre behaupten.

Als er die Kinder entlassen hatte und in seine Stube gegangen war, hörte er plötzlich draußen ein lautes Geschrei. Er lief hinaus und sah, daß der große, starke Willem den zarten Schusterpaul zu Boden geworfen hatte und auf ihn losschlug. Als er hinzugeeilt war, erhob er sich soeben, die dem Schwächeren geraubten klebrigen Bonbons in der Hand. Peter nahm den Jungen beim Kragen, schnitt sich von einem nahen Birkengebüsch eine Rute und erteilte ihm eine tüchtige Tracht Schläge. Die Süßigkeiten warf der Junge dabei in den Sand.

Als Peter den kleinen Bösewicht losließ, entfernte dieser sich um einige zwanzig Schritt, und aus dieser sicheren Entfernung streckte er die Hand drohend nach dem Schulmeister aus und sagte: »Töw[27] man, dat segg ick minen Vader, dat du mi slan hest.«

Peter mußte über den erbosten kleinen Kerl laut lachen, aber ganz wohl war ihm doch nicht. Die ersten Schultage nach Ostern in Wehlingen beim Schulmeister Wencke waren harmonischer, zu größerer allseitiger Zufriedenheit, verlaufen. Und er selbst hatte das Gefühl, nicht in allem ganz richtig gehandelt zu haben.

Wenn er in Solten Schwierigkeiten haben würde, das fühlte er, so würden sie irgendwie mit den Schustersleuten zusammenhängen. Dem Superintendenten blühte von dieser Seite her viel Verdruß, und der junge Schulmeister machte sich darauf gefaßt, daß es ihm ebenso gehen würde. Er stellte sich aber die Frage, ob er darum die beiden schwarzäugigen Kinder missen möchte, und beantwortete sie sich mit einem entschiedenen Nein. Die beiden würden seine Tätigkeit als Lehrer und seine Stellung im Dorfe erschweren, aber die beiden würden ihm auch Freude machen. Um der beiden willen erschien ihm gleich heute seine Schule so interessant, wie ihm die in Wehlingen mit ihrer ungemischten Niedersachsenrasse niemals erschienen war.

An diesem Tage war der Reihetisch bei Clas Mattens. Beim Mittagbrot war der Bauer sehr aufgeräumt, und über seinen originellen Schnäcken überwand Peter die etwas unbehagliche Stimmung, die sich seiner bemächtigt hatte. Als er aber am Abend wieder zu ihm kam, war ander Wetter eingetreten. Der Bauer fuhr seine Frau an, und dann den Knecht, und war über Tisch sehr einsilbig. Als die Familienangehörigen nach dem Abendbrot das Zimmer verlassen hatten, räusperte er sich einige Male und sagte dann endlich: »Scholmester, dat helpt nich. Ick mutt em mal'n bäten vörnehmen. In't Dörp is düssen Nahmiddag väl öwer em snackt worrn.«

»Soo?« fragte Peter. »Wat harrn de Lüe denn to snacken? Wat Godes?«