So laß mich denn mit Sorgfalt meiden
Was meines Körpers Wohlsein stört,
Daß nicht, wenn meine Kräfte leiden,
Mein Geist den innern Vorwurf hört:
Du selbst bist Störer deiner Ruh,
Du zogst dir selbst dein Leiden zu!

Darauf prüfte der Superintendent noch kurz im Lesen, Schreiben und Rechnen. Die »Realien« standen noch nicht auf dem Stundenplan einer Dorfschule.

Nachdem er sich zum Schluß einen Choral hatte singen lassen, sagte er freundlich:

»Nun sollt ihr für heute frei haben. Macht, daß ihr nach Hause kommt!« Lina sah fragend ihren Lehrer an, der aber gerade in anderer Richtung blickte. Einen Augenblick zögerte sie, dann ging sie mit den anderen hinaus.

Als das Geklapper der Holzschuhe verhallt war, klopfte der Superintendent dem jungen Schulmeister auf die Schulter und sagte: »Ich bin im ganzen mit Ihren Leistungen zufrieden. Das wird schon werden. Sie müssen nur in der biblischen Geschichte nicht vergessen, den Kindern die Sachen vernünftig zu erklären. Sonst verdunkeln wir damit wieder, was wir in anderen Stunden aufklären. Und im Katechismus müssen Sie alle Kinder gleichmäßig im Auge haben. Das darf nicht vorkommen, daß ein so großes Mädchen gänzlich versagt. Sie nannten vorhin Luthers Katechismus. Nun, ich verkenne natürlich nicht, daß Luther für seine Zeit ein ganz tüchtiger Mann gewesen ist. Aber sein Katechismus ist im Grunde heute doch veraltet. Es ist auch bezeichnend, daß unsere neuesten Pietisten sich gerade auf ihn berufen, um uns in das von ihm nicht überwundene finstere Mittelalter zurückzustoßen. Sehen Sie, wir haben Männer wie Röhr und Wegscheider, und Teller und Gabler, und auch der Verfasser unseres Landeskatechismus gehört zu ihnen, die sein Werk für unsere Zeit fortgesetzt und vollendet haben. Um noch einmal auf Luthers Katechismus zurückzukommen, wo finden Sie da etwas, was dem Abschnitt unseres Landeskatechismus ›Vom pflichtmäßigen Verhalten gegen uns selbst‹ an die Seite zu stellen wäre?«

»Herr Superintendent, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, es will mir scheinen, als ob die Dinge, die in diesem Abschnitt abgehandelt werden, zum Teil eigentlich mit der christlichen Religion so ganz viel nicht zu tun hätten.«

»Das verstehen Sie nicht, mein lieber Eggers, weil Sie nicht studiert haben ... Sehen Sie, in der alten Religion grübelte man stets über Dinge nach, die wir nicht wissen und nicht wissen können. Da ist es nun gerade der Vorzug der Religion der Aufklärung, daß sie durchaus praktisch gerichtet ist, daß sie sich um das wirkliche Leben kümmert und dafür allerhand nützliche Lehren gibt. Sie werden bemerkt haben, wie ich mich Sonntag für Sonntag bemühe, den biblischen Texten praktische Seiten abzugewinnen, was wirklich zuweilen gar nicht leicht ist. Wenn Sie sich daran ein Beispiel nehmen wollen, werden Sie Ihren Religionsunterricht immer praktischer und fruchtbringender zu gestalten lernen. Nun aber, wie gesagt, im allgemeinen bin ich wirklich sehr mit Ihren Leistungen zufrieden. Und was nicht ist, das wird schon noch werden ...

Apropos, was machen denn unsere hiesigen Dunkelmänner?«

Peter sagte, er hätte den Schuster erst einmal gesprochen, am ersten Schultage, als er seinen Sohn gebracht habe.

»Hat er auch schon ältere Kinder in der Schule?« fragte der alte Herr interessiert.