„Wenn Herr Roditscheff sich so ausdrückt,“ sagte Therese nun tief errötend, „so bin ich dieselbe....“

„Aha,“ sagte Kaufmann, ohne etwas hinzuzufügen, stülpte seine Kosakenmütze auf den kahlgeschorenen Schädel, fuhr in seinen dicken Pelz und verabschiedete sich, ohne ein weiteres Zeichen irgendwelcher Teilnahme zu geben.

— — Frühling wird zu Sommer, Tulpen, Narzissen und Hyazinthen müssen abblühen und die Flamme auch der höchsten Leidenschaft muß nach einer gewissen Zeit auf eine Weile kleiner und matter brennen: so will es ein ewiges Naturgesetz.

Die glühenden Tulpen, die fremdartig holden Narzissen und die duftgefüllten Hyazinthen in Eberhards und Thereses Liebesfrühling waren nun abgeblüht, ihres Sommers Rosen setzten noch kaum Knospen an und bis die Rosen ihrer Liebe sich vollblätterig öffnen sollten, mußte noch eine Spanne Zeit verfließen... Diese Zeit zwischen ihrem Lenz und ihrem Sommer war jetzt gekommen. Es geschah ohne Verabredung und ohne die geringste Abkehr der Liebenden voneinander, daß Eberhard ab und zu ohne seine Freundin mit Kollegen oder fremden Herren einen Abend oder einen Teil der Nacht verbrachte. Therese ihrerseits schloß sich mit einiger Zuneigung an eine wunderschöne Tänzerin an, die den süßen und geheimnisvollen Namen führte: Nuit d’étoiles, das ist: Sternennacht. Sie war ein apartes Geschöpf, in Griechenland von einer französischen Mutter geboren und als Tänzerin erzogen. Die Tanzszene, die sie jeden Abend auf der Bühne als die letzte Programmnummer vor den Ringkämpfen aufführte, war von einer zarten, hinreißenden Schönheit. Sie tanzte einen phantastischen, von ihr selbst erfundenen Tanz, bei dem sie ganz in tiefblaue Schleier gehüllt erschien. Ihre Füße waren nackend. Sie schwang die Schleier mit wilder Grazie um ihren Kopf und ihren Körper, dann machte sie ergreifend feierliche, priesterliche Tanzschritte, während hinter ihrem Haupte eine große Mondesscheibe silbern aufzublühen begann, die Lichter des Theaters eins nach dem andern verlöscht wurden und endlich nichts mehr sichtbar war, als Nuit d’étoiles, von deren Schleiergewändern, erst langsam, dann immer schneller, ein silberner, blitzender Funkenregen niederzurieseln schien. Wie Kometen schossen einige stärkere Strahlen dazwischen. Und Nuit d’étoiles tanzte ihren himmlischen, märchenhaften Sternentanz, während hinter ihr die große Mondesscheibe silbern glühte und auch die Musikanten einer nach dem andern zu spielen aufhörten, bis es ganz stille war — und bis dann plötzlich wieder alle Lichter im Theater aufflammten und die süße, geheimnisvolle Sternennacht hinter dem Vorhange verschwunden war. Mit dieser jungen Frau, die im gewöhnlichen Leben Madame Chrysée genannt wurde, brachte Therese manche Tagesstunde zu und sah nie etwas anderes von ihr, als demütige Ehrbarkeit.

Aber niemals war Chrysée zu bewegen, mit der übrigen Künstlergesellschaft nach Schluß des Theaters in eines jener großen Vergnügungsetablissements zu fahren, in denen die Künstler und ihre reichen, vornehmen Freunde manche Nacht in Lust und lautem Jubel bei Liebe, Wein und Karten verbrachten.

War Chrysée in ihrer langen Theaterlaufbahn, die sie schon als halbes Kind begonnen hatte, so rein geblieben, daß ihr die Teilnahme an diesen Vergnügungen so tief zuwider war? Therese wußte es nicht. Aber wenn Chrysée ruhig und entschieden ablehnte, mit den andern im Schlitten fortzufahren, leuchtete so ein eigener, stiller und tiefer Glanz in ihren Augen... als ob Altarkerzen daraus hervorsahen ... Therese konnte dann nie auf ihrer Bitte, Chrysée möchte mitfahren, bestehen, und es war ihr, als müßte sie sich vor der Tänzerin schämen.

Immerhin gab es in der Gesellschaft von Sportsleuten und Sportverehrern angeregte, lustige Stunden, die Theresen, welche nie über die bescheidenen Grenzen ihres kleinen Heims hinausgekommen war, mit verlockender Macht in ihre bunten Kreise zogen. An Bewunderern fehlte es nicht. Das schöne, große „Mädchen aus der Fremde“, wie sie sie nannten, das aus einer ganz andern Sphäre kam und dennoch jedem die Gaben ihrer Fröhlichkeit und Anmut lieblich auszuteilen wußte, reizte manchen Kavalier zu mehr oder minder verhüllten Anträgen. Thereses Staunen, als sie zum erstenmal den Sinn eines solchen Antrages begriff, war unbeschreiblich; voll Schrecken teilte sie Freidank ihr Erlebnis mit. „Aber, Närrchen!“ lachte Eberhard, „was ficht dich dabei an? Laß die Schwätzer reden! Du bleibst meine schöne, stolze Liebe, du kehrst dich nicht an das Geschwätz und wirst selbst am besten verstehen, die Zudringlichen in ihre Schranken zu weisen...“

„Das sagst du?“ fragte Therese, „das sagst du? — Du bist ein Anderer geworden, als der du warst, o Eberhard!“

„Ich bin nicht anders geworden,“ sagte er und zog ihren Kopf an seine Brust. „Nur — ich nehme diese Kleinigkeiten nicht mehr recht ernst... Was liegt daran, ob einer, der weiß, was schön ist, sich für mein unerreichbares liebes Weib interessiert? Das nehm’ ich ihm nicht übel. Im Gegenteil: ich freue mich. Denn ich sehe daraus, der Mann hat Geschmack. Gregor Kaufmann, zum Beispiel. Ich wette, daß er dich reizend findet!“

Sie wußte es längst, aber sie bestritt es: